Bei dem Wechsel der Wache um Mitternacht teilte ich diesen Anschlag dem Steuermanne mit, der meiner Meinung beistimmte und mit dem ich nunmehr für die übrige Nacht einen solchen Kurs verabredete, daß wir hoffen konnten, uns bei Tagesanbruch wieder in der Nähe jenes Schiffes zu befinden. In der Tat auch erblickten wir es kaum eine halbe Meile vor uns unter dem Winde. Obwohl nun das Wetter ziemlich stürmisch war, setzten wir doch sofort unser großes Boot aus, und indem wir uns mit unserem eigenen Schiffe dem Wrack bis auf eine Entfernung von etwa achtzig Klaftern näherten und mit dem Boote ein Kabeltau auslaufen ließen, versuchte ich, nebst den mit mir genommenen sechs Matrosen, unser möglichstes, dort an Bord zu gelangen.

Freilich ward dies Wagestück bald um so schwieriger, da wir's nicht verhindern konnten, hinten unter dem Schiffe vorübergetrieben zu werden, während dieses von den Wogen aufs heftigste gewälzt wurde und wir jeden Augenblick befürchten mußten, mit unserm Boote und dem schweren Ankertau in den Grund zu versinken. Endlich gelang es uns zu entern, das Ende des Taues zu befestigen und uns auf unserer Prise ein wenig umzusehen. Es war eine greuliche Zerstörung darauf vorgegangen, und sicherlich hätte das Schiff längst sinken müssen, wenn es nicht mit Holz und Balken geladen gewesen wäre.

Nachdem wir auf diesem Schiffe das Nötigste besorgt hatten, kehrten wir nach unserm eigenen zurück, hingen das andere Ende des Schlepptaues in unser Hinterteil und richteten nunmehr mit unserer neuen Last den Kurs auf Norwegen zu. Freilich hatten wir, da der Wind von hinten kräftig in unsere Segel blies, uns Rechnung gemacht, den Weg dahin rasch zurückzulegen, allein unsere nachgeschleppte Prise ging so tief und drückte so schwer, daß wir binnen einer Stunde kaum eine Viertelmeile fortrückten. Doch beharrten wir den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht in unserm Beginnen.

Mit meiner Morgenwache aber, in der Stille der Dämmerung, stiegen mir wiederum allerlei Grillen in den Kopf, die mir diesen Handel je länger je bedenklicher machten. Ich erwog, was für eine langsame und mühselige Schlepperei dies abzugeben drohte, wie kurz in dieser Jahreszeit die Tage, und wie es gleichwohl, wenn wir nach Norwegen herein wollten, unumgänglich erforderlich sein werde, schon zur frühesten Morgenzeit nahe am Lande zu sein, um nicht unser eigenes Schiff den Klippen preiszugeben, die sich meilenweit längs der Küste in dichter und starrer Saat hinziehen. Überdem war auf den Bestand von Wind und Wetter keinen Augenblick zu rechnen, und so schien es am geratensten, ein Unternehmen lieber freiwillig aufzugeben, welches, selbst im glücklichsten Falle, ein unangemessenes Zeitversäumnis erforderte, leicht aber auch mich gegen meinen Reeder und Befrachter einer schweren Verantwortlichkeit bloßstellen konnte.

Ich eröffnete beim Wechsel der Wache dem Steuermanne auch diese meine veränderte Ansicht samt ihren Gründen und beschloß nun, mit ihm gemeinschaftlich das Schlepptau sofort wieder abzulösen und das Wrack seinem Schicksale zu überlassen. Noch während der Ablösung fiel es mir indes bei, daß es doch wohl recht und billig wäre, uns für unsere vergebliche Mühe und Zeitverlust durch irgend etwas, das uns nützen könnte und hier doch nur den Wellen schmählich preisgegeben war, schadlos zu halten. Mir fielen die Anker, welche noch alle unversehrt am Buge hingen, ins Auge. Ich befahl demnach, unser Tau in den größten derselben einzuknüpfen, die Leinen und Reepe, die es hielten, zu kappen und es fallen zu lassen, damit es jenseits von unserem Schiffe wieder emporgewunden werden könnte.

Dies geschah; wir stiegen in unser Boot zurück und ließen das Wrack treiben, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, weitere Kundschaft einzuziehen. Nur so viel hatten wir bemerkt, daß es ein großes holländisches Flütschiff war, hinten den Namen »Dambord« und auch ein angemaltes Damenbrett im Spiegel führte. Einige Tage später trafen wir auf einen Holländer, der nach dem Texel wollte und dem ich zurief, daß ich in der und der Gegend ein Schiff seiner Nation als ein Wrack treibend gesehen, welches den Namen Dambord führte. Er möge solches, wenn er nach Amsterdam käme, an der Börse bekannt machen.

Ohne ferneres denkwürdiges Begebnis langten wir in der Hälfte des Januars 1783 glücklich zu Lissabon wieder an und ankerten zufällig neben einer amerikanischen Fregatte von vierundvierzig Kanonen, deren Kapitän mir einige Tage später gesprächsweise als ein Deutscher, namens Johann Ollhof, genannt wurde. Wundersam fiel dieser Name mir auf, da ich mich erinnerte, im Jahre 1764 einen Matrosen Johann Ollhof im Dienste gehabt zu haben, der mir in Amsterdam, mit meinem guten Willen, entlief, und von dem ich seitdem nie wieder gehört hatte. Wie sich das damals begab, mag mir mit wenigen Worten zu erzählen erlaubt sein.

Ich war zu jener Zeit im Begriff, mit meinem Schiffe von Amsterdam wieder nach der Heimat zurückzukehren, als der gedachte Mensch, der ein sehr guter Junge und vom Treptower Deep gebürtig war, an einem Samstag zu mir in die Kajüte trat und mich bei Himmel und Erde beschwor, ihn hier freizulassen; denn wenn er wieder in seine Heimat müsse, erwarte ihn der leidige blaue Rock und dann sei er zeitlebens eine unglückliche und verlorene Kreatur. – »Hört, Johann,« war meine Antwort, »ich mag Euer Unglück nicht, will aber übrigens von dem, was Ihr tut oder nicht tut, nichts wissen.« – Er verstand mich und erwähnte noch seiner Monatsgage von einundzwanzig Gulden, die er bei mir gut habe. – »Nun,« unterbrach ich ihn, »morgen ist ja Sonntag, wo wohl einige von unseren Leuten werden an Land gehen und auch Geld fordern wollen. Dann läßt sich weiter davon sprechen.«

Der Sonntagmorgen kam, mit ihm drei meiner Matrosen, denen auch Johann sich angeschlossen hatte, um sich Urlaub zum Erlustieren und auch Geld dazu von mir zu erbitten. Ich entließ sie mit der Ermahnung, keine Händel anzufangen und bei guter Zeit sich wieder am Borde einzustellen. Jeder erhielt ein paar Gulden; doch als Johann seinen vollen Lohn forderte, stellte ich mich zum Scheine befremdet, bis er mir erklärte, daß er seinen Geschwistern daheim allerlei Geschenke zugedacht habe, die er dafür einzukaufen gedenke. Allein am Abend kamen zwar die übrigen alle, nur mein Johann Ollhof nicht zum Vorschein. Natürlich gab ich mir auch keine sonderliche Mühe, seiner wieder habhaft zu werden, und so blieb er seinem guten oder bösen Geschicke überlassen.