Jetzt, da ich mich eben im Gewühle der Lissaboner Börse befand, hörte ich einen Kaufmann laut nach dem »Kapitän Johann Ollhof« rufen, den ich selbst in dem dichten Haufen nicht gewahr zu werden vermochte. Doch sah ich gleich darauf eine Figur nach jenem sich hinwenden, in welcher ich mit freudigem Erschrecken trotz der glänzenden Uniform, des Degens und der Schärpe augenblicklich meinen ehemaligen Deserteur erkannte. Wie hätte ich mich enthalten können, mit rascher Bewegung und der Frage auf ihn zuzutreten: »Ist's möglich? Johann Ollhof, seid Ihr es?« – Verwundert sah er mir scharf ins Gesicht, erkannte mich im nächsten Moment nicht minder und fiel mir mit dem Freudenruf um den Hals: »Kapitän Nettelbeck – Sie finde ich hier wieder?«
Nun gab es unzählige Fragen, die mir seine mancherlei Glückswechsel und sein schnelles Steigen im Seedienste der jungen Republik erklärten. Er drang in mich, am Nachmittage zu ihm an Bord zu kommen, wohin er mich abholen lassen wolle. Dagegen bestand ich darauf, daß es ihm, dem jüngeren, wohl geziemen würde, mir den ersten Besuch zu machen. Auch hätte ich ein Schiff unter den Füßen, auf welchem ich mich nicht schämen dürfte, einen so lieben Gast zu empfangen. Er gab mir recht und versprach, bei mir zu erscheinen.
In der Tat legte seine Schaluppe, mit zwölf ausgeputzten Ruderern, zur bestimmten Zeit an meine Seite, und er kam, von einigen seiner Offiziere begleitet, zu mir an Bord, wo das Verdeck zum Teil mit in der Ausladung begriffenen Eisenstangen angefüllt lag, wie denn überhaupt mein Schiff ein wenig tief ging. Kaum angekommen, machte er hierüber seine Bemerkung und rief: »Mein Gott, Freund, wie können Sie doch Ihr Leben auf so einem Kasten wagen?« – Ich will nicht leugnen, daß dieser Hochmut mich ein wenig verdroß und daß ich mein Schiff nicht verachten lassen wollte. Darum versetzte ich: »Johann Ollhof, mir deucht, daß Ihr, solange Ihr noch ein Preuße hießet, wohl nie das Glück gehabt, auf einem solchen Schiffe, wie dieses, zu fahren.«
Er nahm es hin; ich aber, obwohl ich es in der stattlichen Aufnahme meiner Gäste an nichts ermangeln ließ, fühlte mich doch verstimmt. Ja, selbst als er beim Abschiede freundlich bat, seinen Besuch aufs baldigste zu erwidern, brach der innere Groll unaufhaltsam hervor in dem Geständnisse: »Ich bin nicht gut auf Euch zu sprechen, Kapitän! denn Ihr habt mir mein Schiff verachtet.« – Demungeachtet wiederholte er seine Einladung nur um so herzlicher, und bat zugleich um Verzeihung wegen seiner unschuldigen Äußerung: allein Herz und Sinn hatten sich bei mir von ihm abgekehrt; ich konnte mich nicht entschließen, zu ihm an Bord zu gehen, und habe ihn auch nicht wiedergesehen.
Überdem gab es bald allerlei Verdrießlichkeiten, die meinen Sinn auf andere Dinge lenkten. Gerade damals lag eine starke englische Kriegsflotte im Tajo; ich aber hatte drei englische Matrosen im Dienste, welche am Lande mit ihren Landsleuten von jener Flotte häufig zusammenkamen und sich ohne Zweifel durch deren gute und bequeme Lage verleiten ließen. Denn eines Tages traten sie unerwartet zu mir in die Kajüte mit der Erklärung, daß sie es vorzögen, unter ihren Landsleuten auf der Flotte zu dienen, daher sie ihre Entlassung von meinem Schiffe, aber auch ihre rückständige Löhnung (für jeden wohl über sechzig Taler) forderten.
»Kinderchen,« erwiderte ich ihnen – »ihr steht alleweile auf einem preußischen Schiffe und in preußischem Dienste; seid also auch vorderhand nicht Engländer, sondern Preußen. Daß ich euch eure Löhnung auszahle, oder gar, daß ich euch frank und frei gebe, daran ist gar nicht zu denken.« – Freilich mochten sie sich durch diesen Bescheid nicht sonderlich befriedigt fühlen; und so geschah es denn wohl auf ihren Betrieb, daß wenige Tage nachher ein Offizier von der britischen Flotte an meinem Borde erschien, mit dem Auftrage von seinem Admiral, die augenblickliche Auslieferung von drei geborenen englischen Untertanen von mir zu verlangen, die sich, wie er erfahren habe, auf meinem Schiffe befänden, und deren völlige Entschädigung für den bisherigen Dienst zugleich erfolgen müsse.
Ich beobachtete bei diesem sonderbaren Vortrage ein ruhiges Schweigen; ließ aber in der Stille die preußische Flagge über unsern Köpfen aufziehen, die ich meinem Gaste zeigte, indem ich hinzufügte: »Sehen Sie, mein Herr, unter dieser Flagge stehen jene drei Leute in Dienst; und ich kenne kein Gesetz, das mich verpflichtete, sie hier in einem fremden Hafen, daraus zu entlassen. Jede weitere Prozedur des Herrn Admirals werde ich erwarten.«
Eine Zitation vor das portugiesische Seegericht ging bald darauf an mich ein, um meine Sache, im Beisein des Admirals, der gleichfalls erscheinen würde, zu verantworten. Jetzt ward also der Handel ernsthaft, und ich hielt es für geraten, zu unserm Preußischen Gesandten, dem Herrn von Heidecamp, zu gehen, dem ich die Lage der Dinge vortrug, und um Verhaltungsmaßregeln bei ihm nachsuchte. Sein Ausspruch war: daß, falls ich nicht gutwillig wollte, niemand mich zwingen könnte, die Leute freizugeben; noch weniger, ihnen ihre Löhnung auszuzahlen, welche nach Recht und Gesetz dann erst fällig sei, wann mein Schiff wieder einen preußischen Hafen erreicht habe. Zugleich unterrichtete er mich genau, wie ich mich vor Gericht zu verhalten hätte, und fügte hinzu, für alles übrige sollte ich ihn sorgen lassen, indem er gesonnen sei, bei dem Termine gleichfalls in Person zu erscheinen.