Sobald wir auf diesem angekommen und der Handel dem Kapitän vorgetragen war, erklärte dieser, der Kerl sei ein Brite und er werde ihn auf seinem Schiffe behalten. »Dann, mein Herr,« entgegnete ich ihm, »mögen Sie auch mich hier behalten, denn ich bleibe, wo mein Matrose ist, und mein Schiff dort schwimmt oder sinkt von diesem Augenblicke an auf Ihr Risiko. Tun Sie nun, was Ihnen beliebt! Totschlagen können Sie mich nicht vor so vielen Augen, und alles übrige werde ich erwarten.«
Diese Festigkeit schien den Kapitän doch einigermaßen stutzig zu machen. Er ging mit einigen Offizieren abseits in die Kajüte – wahrscheinlich, um sich mit ihnen näher zu beraten; dann aber, als sie wieder zum Vorschein kamen, stieß der eine und andere von ihnen meinem aufsätzigen Matrosen in die Zähne und in die Rippen, und so wieder in die Schaluppe hinein, worauf ich ungenötigt folgte und mit meinem Ausreißer wieder an mein Schiff gebracht wurde. Damit jedoch diesem sein Frevel nicht ganz ungestraft hinginge, ward ich mit meinem Steuermanne einig, ihn mit Händen und Füßen an die große Spille festzubinden und so sein Gat durch jeden von unseren Leuten mittels eines Endchens Tau mit einer Anzahl wohlgemessener Hiebe heimsuchen zu lassen. Die Kur schien auch für die fortgesetzte Reise nicht ohne gute Wirkung zu bleiben.
Seitdem wir die Küsten von Dover und Calais aus dem Gesichte verloren und abwechselnde, aber meist stürmische Winde uns elf Tage lang in der Nordsee umhergeworfen hatten, während welcher wir weder Jütland noch Norwegen oder sonst ein Land erblickten, wagten wir es dennoch, im guten Glauben an unsere geführte Schiffsrechnung und einige angestellte astronomische Beobachtungen, uns mit dem Senkblei in der Hand um die gefährliche Spitze von Skagerrak ins Kattegat hineinzutasten. Es glückte; aber gerade hier überfiel uns nunmehr auch ein schrecklicher Sturm aus Norden, der so hart in unser dicht eingerefftes Fock- und Vormarssegel blies, daß bald die Fetzen davon in den Lüften umherflogen.
Nach diesem Verluste wollte sich unser Schiff nicht mehr vor dem Winde steuern lassen, sondern ward unter den Wind gedreht. Es sollte eine andere neue Focke untergeschlagen werden, allein das Schiff arbeitete und schlenkerte in der brausenden, kochenden See voll blinder Klippen so gewaltig, und der Sturm hielt mit soviel Ungestüm an, daß wir alle kaum die Augen aufschlagen konnten. Das neue Focksegel ward zwar aus der Segelkammer hervorgezogen und an die Rahe geschlagen; allein sowie diese in die Höhe ging, peitschte auch jenes mit seinen Zipfeln dergestalt um sich, daß es in den nächsten Augenblicken ebenfalls in Lappen davongeführt wurde. Ich schrie, ich bat, ich fluchte meinem Volke entgegen, das oben auf den Masten saß, die Fäuste wie brave Kerle zu rühren und das Segel unter die Rahe zu bringen. Endlich stieg ich selbst in die Höhe und überzeugte mich, daß es schlechterdings unmöglich sei.
In diesem Augenblicke ward geschrien: »Brandung leewärts!« Das war die Minute der Entscheidung! Denn da das Schiff dem Ruder nicht mehr folgen mochte, so ward hier alle Kunst des Steuerns zu schanden! Wir wurden mit sehenden Augen in unseren Untergang hineingetrieben und standen nach wenigen Augenblicken auf einem Steinfelsen fest. Sogleich auch stürzte die stürmende See in furchtbaren Wogen über unser Schiff hinweg, daß der Schaum bis hoch an die Mastkörbe emporspritzte, indes jenes durch die gewaltigen Stöße am Boden durchlöchert wurde und voll Wasser lief. So war denn an ein Wiederabkommen von dieser Klippe und an Rettung des Schiffes gar nicht mehr zu denken!
Dieses Unglück traf uns am 11. Mai, abends um neun Uhr. Auf dem Verdecke konnten wir uns, der überflutenden Brandung wegen, nicht mehr halten, sondern waren alsogleich sämtlich auf die Masten geflüchtet. Ich selbst und sechs Mann hingen oben am Besanmast, während die übrigen acht Mann den großen Mast erklettert hatten. Ein Wunder wäre es wohl nicht gewesen, wenn wir alle die Besinnung verloren hätten, indes blieb mir doch soviel Gegenwart des Geistes, daß ich unsere Lage richtig ins Auge fassen und den einzig möglichen Ausweg zu unserer Rettung gewahr werden konnte. Ich stellte demnach meinen Unglücksgefährten vor, wie unser Heil darauf beruhe, daß wir unsere Schaluppe in unsere Gewalt bekämen. Einige von ihnen, die die rüstigsten wären, sollten sich ein Herz fassen, herniederzusteigen und die Taue, woran dieselbe auf dem Verdecke festgebunden stehe, zu zerhauen, nachdem sie ein oder mehrere längere Taue daran festgeknüpft haben würden, deren Enden wir übrigen oben am Maste sicher zu halten gedächten. Bräche dann gleich das Schiff und die Schaluppe würde über Bord gespült, so könnte sie uns dennoch von den Wellen nicht entführt werden; oder möchte sie sich auch voll Wasser gefüllt, oder gar das Unterste nach oben sich gekehrt haben, so würden wir sie gleichwohl nahe zu uns heranziehen, ausschöpfen und zu unserer möglichen Bergung instandsetzen können.
Durch diese Vorstellungen gewonnen, kletterten auch sofort drei wackere Kerle hinab, lösten die Schaluppe vom Verdecke ab und jeder von ihnen versah sie hinwiederum mit seinem dazu mitgenommenen Taue, deren entgegengesetzte Enden sie glücklich wieder zu uns in die Höhe brachten. Nun aber dauerte es kaum noch eine Stunde, als eine ungewöhnlich hohe Sturzwelle über das Verdeck hinschlug, das Fahrzeug weit mit sich hinaus über Bord schleuderte, den Boden nach oben umkehrte, aber die Gegenkraft der Angst, womit wir, koste es was es wolle, die Taue festhielten, nicht zu überwältigen vermochte.
Um elf Uhr brach, wie wir längst gefürchtet hatten, unser Schiff in der Mitte auseinander; der Fock- und große Mast stürzten über Bord – letzterer jedoch in einer so glücklichen Richtung, daß er auf das Hinterteil zufiel und dergestalt dicht neben uns hinstreifte, so daß die an demselben klebenden acht Menschen zu uns heranklettern konnten. So war denn die volle Mannschaft von vierzehn Köpfen hinten bei mir auf dem Besanmaste beisammen. Durch das Bersten des Schiffsrumpfes aber hatte sich das Hinterteil, worauf wir uns befanden, dergestalt gelöst, daß es in eine starke Bewegung geriet und mit jeder Sturzwelle wechselsweise bald sich seitwärts weit aufs Wasser legte, bald wieder in die Höhe hob. Man mag daraus ermessen, wie übel uns dabei oben auf dem schwanken Maste zumute geworden!
In dieser höchsten Not schien denn kein längeres Zaudern ratsam. Wir zogen die Schaluppe an ihren Tauen näher zu uns heran, kehrten sie nicht ohne große Mühe wieder um, hoben sie mit ihrem Vorderteile soweit in die Höhe, daß ein Teil des Wassers, womit sie gefüllt war, sich daraus verlief, und nachdem wir, sowie wir der Reihe nach hineinstiegen, den Rest mit unseren Hüten vollends hinausgeschöpft, schnitten wir endlich alle Taue, die uns noch am Schiffswrack festhielten, in Gottesnamen los und kamen glücklich aus dem Labyrinthe voll brandender Klippen in offenes Wasser zu treiben, während wir die vier in der Schaluppe festgebundenen Ruder zur Hand genommen und uns dadurch instandgesetzt hatten, notdürftig vor dem Winde zu steuern.