284. Der Geldkeller auf dem Greifensteine.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 183. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen (o. J.) S. 104.)

Unter einem großen Felsen des Greifensteins, wo der Vermutung nach ein altes Schloß gestanden hat, ist ein offenes Loch zu sehen, in das ein Mann bequem kriechen kann. Von diesem Loch aber wird erzählt, daß einst eine Magd aus dem Vorwerke Hayde, die, wenn sie daselbst grasete, öfters mit Namen gerufen wurde, im Beisein einer andern Magd auf abermaliges Rufen hineingegangen wäre, mit dem Verlaß, wenn sie schreien würde, daß ihr die andere zu Hülfe kommen sollte. Es hätte aber die hineingehende Magd einen großen Kasten mit Gold und Geld und einen schwarzen Hund dabei liegend angetroffen, und auf Befehl einer Stimme das Grastuch damit angefüllt. Als aber inzwischen der Eingang ganz enge geworden sei, daß sie auf die andere Magd um Hülfe geschrien, wäre der Hund auf sie losgesprungen und hätte alles Eingefaßete wieder aus dem Grastuche gescharret, darauf sie voller Schrecken von der andern herausgezogen worden, und des dritten Tages darauf wäre sie gestorben.

Besser (indem er wenigstens nicht mit dem Leben büßen mußte) erging es einst einem alten Manne aus Geyer, einem gewissen Christoph Hackebeil, der von seinem Heimatsorte nach der am Fuße des Greifensteins liegenden Gifthütte ging, durch sonderbaren Zufall auf den Greifenstein geriet, dort in dem obengedachten Loche entschlief und die ganze Nacht und den halben folgenden Tag daselbst zubringen mußte. Es ließ ihn schlechterdings nicht fort, und für die Angst und Versäumnis seiner Zeit hat derselbe nicht einmal einen klingenden Lohn von den Berggeistern erhalten.

Der Hund, welcher den Schatz bewacht, ist der Hund der Unterwelt, welcher bei der Göttin Hel wacht. Ursprünglich ist derselbe das Tier Odhins, einer von den Wölfen der Walstatt. Odhin aber ist als Verleiher jedes Gutes auch zugleich der Herr der Schätze.

285. Der Schatz auf dem Greifensteine sommert sich.

(I. Mündlich. II. Moritz Spieß, Aberglaube, Sitten und Gebräuche des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. 1862, S. 40.)

I. Eines Tages gingen zwei Mädchen durch den Wald, in welchem der Greifenstein liegt; sie hatten Streu gesammelt und trugen dieselbe in ihren Tragkörben nach Hause. Als sie nun auf einem schmalen Wege die Höhe abwärts stiegen, sahen sie an den Zweigen der Fichten zu beiden Seiten Strohhalme hängen. Darüber wunderten sie sich, denn sie meinten, daß hier doch kein Weg für Wagen sei; es sah nämlich aus, als ob von einem mit Stroh beladenen Wagen durch die zum Teil über den Weg hängenden Zweige einzelne Halme losgerissen worden seien, wie man solches ja häufig an den mit Bäumen besetzten Landstraßen sieht. Wie die Mädchen aber nach Hause gekommen waren und ihre Streu ausschütteten, fanden sie darunter eitel goldene Ketten. Der Schatz des Greifensteins hatte sich in der Gestalt von Strohhalmen an diesem Tage gesommert und so waren einzelne Halme in die Körbe gefallen, wo sie sich in die goldenen Ketten verwandelt hatten.

II. Als der früher in Ehrenfriedersdorf angestellte Förster Töpel eines Tages bei dem Greifensteine vorbei ritt, hingen so viel Gras- und Strohhalme von den nahen Bäumen herab, daß er kaum hindurchreiten konnte. Dabei blieben einige Halme auf seinem Hute liegen. Als er daheim seinen Hut abnimmt, hat er um denselben eine goldene Kette. Es soll noch ein Stück von dieser Kette vorhanden sein.

Henne-Am-Rhyn (Die deutsche Volkssage, S. 49 und 52) deutet die Schätze der Sage als Sinnbilder der Sterne; sie bewegen sich und versinken wie letztere. Daß Schätze an gewissen Tagen aufsteigen, um sich zu sonnen, erzählen noch mehrere Volkssagen. Als einst Steinbrecher auf dem Schlatter Rehberge bei Bingen von ferne einen schimmernden Haufen liegen sahen, sagten sie: »Heute ist der erste März, da sonnen sich die Schätze.« Thönerne Scherben, welche dann einer von ihnen an jener Stelle fand, verwandelten sich zu Hause in zerbrochene Silbermünzen. Nach einer andern Sage steigen Schätze an Märzfreitagen aus dem Boden, um sich zu sonnen; dabei wird ihre Ankunft vielfach durch eine blaue Flamme verkündet. Die Schätze werden auch von Geistern unter der Erde fortgerückt. (Nork a. a. O., S. 709.)