(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 46.)
Ein Hirtenjunge aus der Petermühle weidete einmal in der Nähe des Braunsteins sein Vieh. Da sah er plötzlich, als er den Berg hinanstieg, eine offene Thür, die er sonst nie bemerkt hatte. Unwillkürlich trieb ihn eine innere Stimme an, in das Gewölbe hineinzugehen. Daselbst erblickte er eine Kiste mit großen Schätzen. Davon nahm er so viel, als seine Taschen fassen konnten, und ging vergnügt zu seiner Viehherde zurück. Zu Hause angekommen, versteckte er das Geld in seinem Koffer. Aber trotz aller Vorsicht hörte die Magd das Klingen der Münzen und zeigte dies ihrem Herrn, dem alten Mühlpeter, an, der den Jungen wegen des Geldes zur Rede stellte. Derselbe erzählte nun das wunderbare Ereignis und versprach seinem Herrn den Eingang zu den unermeßlichen Schätzen zu zeigen. Als jedoch beide am nächsten Tage zum Braunsteine kamen, war zu ihrer höchst unliebsamen Überraschung das Felsenthor unsichtbar. Der Mühlpeter kaufte bald darnach dem Hirtenjungen ein neues Gewand, gab ihm das größte Goldstück und schickte ihn in die Fremde. Das übrige Geld behielt er für sich und ward, freilich auf ungerechte Weise, ein reicher Mann.
Ein anderer Hirtenjunge, der gleichfalls am Fuße des Braunsteins hütete, sah eines Tages eine Menge kleiner, buntgefärbter Leinwandfleckchen auf der Erde liegen. Um den Kindern seines Herrn bei seiner Heimkehr eine Freude zu bereiten, suchte er die schönsten Flecke aus und steckte sie in seine Hirtentasche. Um die Mittagsstunde trieb er seine Viehherde nach Hause. Als er diese im Stalle versorgt hatte, ging er in die Stube und wollte die mitgebrachten Geschenke verteilen. Er griff in die Tasche, doch siehe! statt der bunten Flecklein zog er lauter funkelnde Goldstücke heraus. Darob herrschte unbeschreibliche Freude im ganzen Hause. Nur der geldgierige Herr gab sich mit dem erhaltenen Gelde nicht zufrieden, sondern schickte den Jungen eiligst zurück, damit er alle Leinwandflecke sammle und heimbringe. Als derselbe fast atemlos zur Fundstelle kam und mit einemmale ein Zwerg vor ihm stand, stiegen ihm vor Furcht die Haare zu Berge, und kein Wort kam über seine Zunge. Doch das Männlein, das die Ursache seines Kommens wußte, sprach zornentbrannt zu dem Jungen: »Du bist zwar unschuldig, aber Dein habsüchtiger und ungenügsamer Herr hat Dich hierher geschickt, um den ganzen Schatz zu gewinnen. Dafür soll er hart gestraft werden, er soll – verarmen!« Hierauf verschwand der Zwerg. Vor Angst und Schrecken eilte der arme Hirtenjunge durch dick und dünn heim, erzählte das eben Geschehene und starb bald darauf. Auch des Zwergleins Prophezeiung ging buchstäblich in Erfüllung; denn der Herr des Jungen kam an den Bettelstab.
So muß gar oft der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.
309. Der erlöste Herr auf dem Braunsteine bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 41.)
Geht der Wanderer von Schlackenwerth durch das enge, anmutige Weseritzthal nach Joachimsthal, und klettert er, bei der sogenannten Petermühle (Schöffl-Mühle) angekommen, zur Rechten am reichbewaldeten Bergabhange empor, so gelangt er zum Braunstein, einem Bergkegel, welcher vor einigen Jahren mit Wald gekrönt war, jetzt aber nahezu gänzlich abgeholzt ist. – Auf dem Braunsteine stand, wie der Volksmund erzählt, in uralten Zeiten ein Schloß, dessen Nähe jeder Umwohner scheute. Obgleich es unbewohnt war, sah man doch in stürmischen, finstern Nächten die Fenster des Schlosses prachtvoll beleuchtet, und mancher Pilgrim, der dasselbe aus Neugierde betrat, kehrte nicht mehr zurück. – Trotz alledem schlug einmal ein herzhafter Handwerksbursche alle Warnungen in den Wind und lenkte eines Abends, als die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, seine Schritte dem gefürchteten Schlosse zu, um dort zu übernachten. Ringsumher herrschte tiefes Schweigen. Er stieg die Treppe empor, schritt durch das hohe Portal ungehindert fürbaß und gelangte in einen geräumigen, tageshell erleuchteten Saal, in welchem eine lange Tafel stand. An dieser nahm er Platz und verfiel allmählich gegen seinen Willen in einen festen Schlaf. Um die Mitternachtsstunde aber weckte den Handwerksburschen ein heftiges Klopfen. Er erwachte und erstaunte, daß die Tafel gedeckt und mit Speisen und Getränken in Fülle beladen war. Da öffnete sich plötzlich die Thür, und in den Saal trat ein graubärtiger Greis, dem seine Familie folgte. Nachdem die Angekommenen sich an die Tafel gesetzt hatten, unterbrach der Alte das Stillschweigen, indem er sagte: »Willkommen, Fremdling, in meinen Hallen! Hier hast Du Speise und Trank im Überfluß; iß und trink, was Dir beliebt!« Darnach wollte er ohne weiteres die Mahlzeit einnehmen, doch der Wandersmann sprang im Nu von seinem Sitze auf, gab dem Greise einen derben Backenstreich und rief: »Beten muß man, bevor man ißt!« – Diesen Worten folgte ein furchtbarer Donnerschlag, worauf der Alte sagte: »Habe Dank, braver Geselle, Du hast durch Deine Frömmigkeit mich und die Meinen erlöst! Vernimm in Kürze meinen Lebenswandel! Mein Vater war ein mächtiger Ritter, meine Mutter eine gute und fromme Frau. Als einziger Sohn war ich der Eltern Stolz und wurde mit größter Liebe und Sorgfalt erzogen; allein ich bereitete denselben für ihre Mühen und Opfer nur unsägliches Herzeleid. Denn am Gebete fand ich keinen Gefallen, verhöhnte alles, was dem Menschen heilig und ehrwürdig sein muß, und sank in meiner Verblendung immer tiefer und tiefer. Zuletzt zog ich als Familienvater Frau und Kinder mit ins Verderben. Aber Gottes gerechtes Strafgericht ereilte uns bald. Eins nach dem andern starb und wurde in dieses Schloß entrückt mit der Bestimmung, hier so lange zu hausen, bis ein frommer Mensch uns erlösen würde. Viele kamen schon vor Dir, allein da sie unlauteren Herzens waren, fanden sie insgesamt ihren Tod. Auch Dich hätte ein gleiches Los getroffen, wenn Du nicht gottesfürchtig gewesen wärest. Du kannst Dir nicht denken, welche Angst mich befiel, als ich Dich versuchte. Hättest Du die Probe nicht bestanden, so müßten wir noch länger in diesen Räumen verwünscht umherwandeln. Jetzt komm' und folge mir!« Der Handwerksbursche willfahrte dieser Aufforderung und so führte ihn der Greis abwärts in einen weiten Gang, wo dem Eintretenden Kessel mit Gold und Silber entgegenblinkten. »Nimm von diesen Schätzen,« hub der Alte an, »so viel Du tragen kannst; laß jedoch davon eine Kapelle erbauen, und gieb den Armen und Notleidenden reichliche Almosen.« Nach diesen Worten verschwand er. – Der Fremdling that, wie ihm geheißen, und verließ ungesäumt das Schloß, das schon längst von der Bergeshöhe in Staub gesunken ist. Er erfüllte aber auch aufs Gewissenhafteste des Greises Begehren und blieb glücklich sein Leben lang.
310. Die Schätze im Hausberge bei Graslitz.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 296.)