Vor etwa siebzig Jahren kamen nach der Bergstadt Platten einige Zigeuner. Da dieselben wegen der rauhen Jahreszeit nicht im Freien ihr Lager aufschlagen konnten, gingen sie von Haus zu Haus und baten flehentlich um Herberge. Allein überall wurden die braunen Söhne mürrisch und hartherzig abgewiesen, bis sie ein armer, aber ehrlicher Bergmann, mit Namen Friedrich, in seine windschiefe Hütte aufnahm. Beseelt von edler Menschenliebe, kochte die Frau des Bergmannes sofort eine Milchsuppe, welche den hungrigen Gästen vortrefflich mundete. Nach mehrtägigem Aufenthalte beschlossen die Zigeuner, an's Wandern gewöhnt, weiter zu ziehen. Zuvor aber wollten sie sich der braven Bergmannsfamilie dankbar erweisen. Deshalb legte eine Zigeunerin das Geständnis ab, im Auffinden von Schätzen gut bewandert zu sein, und hielt alsogleich im Hause Umschau. Sie nahm die Wünschelrute, begab sich aus dem Stübchen in den Küchenraum und ließ diese schlagen. Die Rute neigte sich gegen den Ofen, ein Zeichen, daß hier ein Schatz verborgen liege. Nach mehreren anderen Schwankungen bezeichnete sie genau den Ort, und den Andreasabend als die Zeit zum Heben des Schatzes. Mit Segenswünschen schieden die Zigeuner. Der arme Bergmann jedoch konnte den festgesetzten Tag gar nicht erwarten und schritt noch vor dem Termine an die Ausführung seiner geheimnisvollen Arbeit. Zu diesem Zwecke verfertigte er einen großen Kreis aus Papier, den er mit hunderten von Kreuzen beschrieb und legte ihn auf den Platz, wo der vermeintliche Schatz sich befinden sollte. Hierauf stellten sich der Bergmann und ein Nachbar in den Kreis und fingen zu graben an. Es dauerte nicht lange, da kam eine eiserne Truhe zum Vorschein. In dem Augenblicke aber, als einer der Schatzgräber mit der Haue auf die Lade schlug, entstand ein gewaltiger Donnerschlag, und der Kreis zerriß in tausend Stücke. Sprachlos und totenblaß standen beide Männer da, und als sie sich von der Betäubung erholt hatten, sahen sie einander nicht wenig erstaunt an, denn der Schatz war wieder in die Tiefe zurückgerollt.

319. Die Schatzgräber.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 100.)

Zwischen Platten und Jungenhengst steht am Wege, der in die letztgenannte Ortschaft führt, ein Bild, welches Jesum, wie er gegeißelt wird, darstellt und von den Umwohnern »schönster Jesus« genannt wird. Dort soll ein großer Schatz verborgen liegen. Denselben wollten vor vielen Jahren zwei Geschwister, Bruder und Schwester, heben. Nachdem beide sich mit den üblichen Beschwörungsformeln bekannt gemacht hatten, gaben sie sich das Versprechen, kein Wörtlein während des Schatzgrabens zu sprechen. In einer Nacht gingen sie nun an Ort und Stelle und gruben allda, bis sie nach längerer Arbeit auf den Deckel einer Geldkiste stießen. Allein welcher Schreck! Mit einemmale kommt ein Soldat gegen das schätzesuchende Geschwisterpaar heran. Nach einer Weile sprengt auf feuersprühendem Rosse ein Reiter daher, dem mit Blitzesschnelle sich eine ganze Schwadron Kriegsgefährten anschließt. Eisiges Grauen überfiel da die Geschwister, welche einander schweigend anblickten. Als aber eine Totenbahre sichtbar ward, der ein langer Leichenzug folgte, da rief die Schwester: »Jesus, Maria! Da tragen sie unsere Mutter!« Wie diese Worte ihrem Munde entflohen waren, stürzte im Innern der ausgegrabenen Grube ein mächtig sprudelnder Quell hervor. Immer höher und höher stieg das Wasser und überflutete in wenigen Augenblicken den Weg. Bald reichte es sogar den Geschwistern bis zur Brust, so daß sie, über die höchst sonderbaren Erscheinungen entsetzt, von dannen eilten. Als sie nach Hause kamen, waren sie – welch ein Wunder – ganz trocken. Das Geschwisterpaar verspürte nun keine Lust mehr, den Schatz zu holen.

320. Buchstaben, Hobelspäne und Kohlen verwandeln sich in Geld.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 288.)

Eine Frau fand eines Tages auf dem Hausberge bei Graslitz beim Beerensuchen ein Bündel Reisig, worin verschiedene Buchstaben zerstreut herumlagen. Sie nahm einige derselben und dachte sie ihren Kindern zum Spielzeug zu bringen. Als sie dieselben aber zu Hause aus ihrem Korbe nehmen wollte, waren es Silberstücke geworden. Nun eilte sie wohl nach dem Orte zurück, um die übrigen zu holen, allein das Bündel samt den Buchstaben war verloren. Ein andermal fand eine Frau ein Häufchen Hobelspäne, die daheim zu Thalerstücken wurden, und wieder ein andermal trugen Kinder Kohlen und Steinchen heim, die sich zu Hause in Gold verwandelten.

Dämonische Wesen besitzen die Wunderkraft, die verschiedensten Gegenstände in edles Metall zu verwandeln. Auch wo sie in der Sage bei einer solchen Verwandlung nicht ausdrücklich genannt werden, ist die letztere doch von ihnen ausgegangen. Im Fichtelgebirge schenkt eine weiße Jungfrau Laub, das zu Golde wird (Zapf, der Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 18), und im Harze verwandeln sich durch den Zwergkönig des Hübigensteins und die Prinzessin Ilse Tannenzapfen in Silber oder Gold. (Heine, Sagen, Märchen etc. aus dem Harze, S. 16 und 94.)

321. Kutter verwandeln sich in Geld.