449. Wie die große Glocke in der Marienkirche zu Zwickau ihre Stimmung bekommen hat.
(T. Schmidt, Chronica Cygnea I., S. 78.)
Als auf dem Turme der Marienkirche zu Zwickau die große Glocke am 12. Juli 1512 sprang, weil man von 8 Uhr des Abends bis den andern Morgen früh um Vier eines schrecklichen Gewitters halber nach damaliger Gewohnheit geläutet hatte, so fragte der Glockengießer, der sie umzugießen hatte, als das Metall schon geschmolzen war, und er das Werk selbst beginnen sollte, die dabei stehenden Ratsherren, was für einen Ton er der Glocke geben solle? Da nun diese verlangten, er solle derselben das Chormaß nach der Orgel, also das bloße C geben, hat er ein Pulver von Kräutern zugerichtet und in das Metall geworfen, und davon hat die Glocke den gewünschten Ton bekommen.
450. St. Wolfgang zu Freiberg.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 290.)
Ist einst ein Bischof, namens Wolfgang, aus dem Geschlechte derer von Schleinitz zu Freiberg gewesen. Wie der nun einmal in vollem Ornate zum Dienste des Herrn in den Dom geht, da stürzt sich ein Bettler vor seine Füße nieder, der Gliederreißen oder das böse Wesen zu haben schien. Mitleidsvoll blickten den Unglücklichen alle Anwesende an, nur der Bischof machte eine Ausnahme, er sprach zu ihm: »Tobt wirklich eine Krankheit in Dir, so möge sich Gott Deiner erbarmen und Dich gesund machen, hast Du sie aber zum Frevel erlogen, um Almosen zu erlangen, soll sie von jetzt an Deine Strafe sein.« Kaum war aber der gottlose Heuchler, welcher der ernsten Mahnung des Bischofs nicht ungehorsam zu sein wagte, vom Boden aufgestanden, als er auch mit jämmerlichem Geschrei wieder niederfiel und niemand mehr an der Erfüllung des göttlichen Strafgerichts zweifeln konnte. Da hat das Volk den frommen Bischof als Heiligen verehrt und die Begleiter haben seitdem den St. Wolfgang zu ihrem Schutzpatron angenommen.
451. Der Fallsüchtige in der Kirche zu Annaberg.
(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert bei Gräße, Sagenschatz etc., Nr. 511.)
Am 26. Juli des Jahres 1519 ward die St. Annenkirche in der Stadt Annaberg durch den Bischof von Meißen, Johann VI., geweiht und bei dieser Gelegenheit ereignete sich folgende wunderbare Begebenheit, welche durch ein, wahrscheinlich von Lucas Cranach gemaltes Bild, das sich am Grabmonumente L. Pflocks, eines reichen Bergherrn, der bei diesem Vorgange zugegen war, befindet, noch heute im Andenken erhalten wird. Als nämlich die Prozession, bei der sich auch Herzog Georg von Sachsen befand, an der Pforte der Kirche angelangt war und der Bischof sich anschickte, dieselbe einzuweihen, sah er plötzlich einen zerlumpten Bettler, der sich in epileptischen Zuckungen auf der Erde herumwälzte, vor sich. Da erhob sich in der Seele des geistlichen Herrn der Verdacht, die Krankheit dieses Elenden sei nur eine verstellte und derselbe benutze dieselbe bloß, um bei dem heutigen hohen Feste das Mitleid der Anwesenden zu erregen. Er hob also die Rechte zur Benediktion, schlug ein Kreuz über den Bettler und sprach mit laut erhobener Stimme: »Bist Du wirklich krank, so helfe Dir der Herr, verstellest Du Dich aber, so strafe er Dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so geschah es, daß die von dem Bettler vorgegebene Krankheit zur Wirklichkeit ward, ein fürchterliches Geschrei verkündete ihr Dasein und mehrere starke Männer waren jetzt kaum im Stande, den Unseligen in seinen Zuckungen zu bändigen und auf die Seite zu bringen.