(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 572.)
Vor einer Reihe von Jahren lebte in Schöneck ein Pfarrer Merz, welchem ein Kind von 2 Jahren starb. Nach 14 Tagen rief eine Kinderstimme bei diesem Pfarrer Merz des Abends nach 10 Uhr beim Schlafstubenfenster: »Mein Händchen und mein Füßchen!« und dies einigemale. Der letzte Ruf lautete: »Vater, mein Händchen und mein Füßchen fehlt mir!« Darauf ließ der Pfarrer Merz sein Kind wieder ausgraben, und wirklich fehlten auch diese Glieder. Es wurde nachgeforscht und man hatte auf einen Bewohner der Birkenhäuser bei Schöneck, welcher einen Schatz hatte heben wollen, Verdacht. Am nächsten Sonntage erblickte der Pfarrer den bezeichneten Mann in der Kirche; er leitete seine Predigt auf den Vorfall und rief, indem er auf den Verdächtigen hinzeigte, laut aus: »Du Schalksknecht, Du Übelthäter, verschaffe die Glieder meines Kindes wieder!« Darauf soll der Mann wie tot umgefallen sein.
453. Eine Wundersage von dem Stücke des Kreuzes Christi in der Marienkirche zu Zwickau.
(Tob. Schmidt, Chron. Cygnea I., S. 63.)
Früher ward in der gewölbten Sakristei in der Marienkirche zu Zwickau ein in arabisch Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. Nun war aber in die Einfassung mit Cyrillischen Buchstaben und in serbischer Sprache eine Inschrift gegraben, welche also lautete: »Dieses ehrwürdige Crucifix ist auf der Königin … (der Name war nicht mehr zu lesen) Befehl gemacht und in die Kirche der h. Dreifaltigkeit bei der Grube (zu Konstantinopel) gesetzt worden; es sind in demselben fünf ganze Stücklein vom h. Kreuz und vier Edelsteine, die hölzernen Stücklein sind für 2000 Gulden gekauft, das Gold aber und die Edelsteine kosten 1000. Wer ein Stücklein von diesem Holze des Kreuzes mit Gewalt aus der Kirche der h. Dreifaltigkeit nehmen wird, der sei verflucht und das h. Kreuz bringe ihn um, wer es etwa an einem andern Orte antrifft, der schaffe es wieder in die Kirche zur h. Dreifaltigkeit, wer es nicht thut, den bringe Gott und das h. Kreuz um.« Trotz dieses Fluches hat aber, als die Türken Konstantinopel eingenommen, ein Grieche dieses Heiligtum, damit es nicht in unheilige Hände komme, errettet und hernach M. Römern in Zwickau verkauft, der auch von dem darauf geschriebenen Fluch nichts zu befürchten gehabt, weil er es nicht mutwillig entwendet, sondern nur vor denen, die es ohnedem zerschlagen und beschimpft hätten, bewahrt hat. Nun hat aber der Herzog von Friedland, insgemein der Wallenstein genannt, am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und hernach auf der Post durch genannten Grafen von Wallenstein dem Kaiser anbieten lassen, als verehre die Stadt Zwickau und die geistliche Behörde solches demselben freiwillig; allein es war hierbei wenig Willigkeit, sondern nur Gewalt zu finden, und es hieß vielmehr: willst du nicht, so mußt du. Nun ist aber der besagte Fluch an allen diesen Personen ausgegangen. Nachdem dies nämlich hier am 14. September geschehen, hat der Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er bald darauf zu Eger ein blutiges Ende nahm; die beiden Grafen aber sind noch in demselben Jahre umgekommen und ist keiner von ihnen eines natürlichen Todes gestorben.
454. Das Marienbild in der Kirche zu Fürstenau.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit, frühere Schicksale und jetzige Beschaffenheit. Lauenstein, 1845. S. 297.)
Eine geschichtliche Merkwürdigkeit besitzt das in einem der rauhesten Teile des Erzgebirges liegende Dorf Fürstenau in seiner Kirche, welche eine Filiale von Fürstenwalde und die älteste Kirche der ganzen Umgegend ist. Denn schon lange vor der Reformation war die Kapelle in Fürstenau eine Tochter der Hauptkirche zu Graupen; sie führte den Namen »Zur unbefleckten Empfängnis Mariä« und ward 1424 mit einer Glocke beehrt. Das am Altar dieser Kirche befindliche Marienbild, von nicht ganz schlechter Bildhauerarbeit und reicher Vergoldung, stellt den Besuch Marias bei ihrer Schwester Elisabeth vor. Zu diesem Marienbilde zog der fromme Glaube eine Menge Wallfahrer, und mehrere dem Kirchlein verehrte Geschenke, sowie daselbst aufgestellte und bewahrte, von geheilten Kranken zurückgelassene Gegenstände sollen die gnadenreiche Wirkung bezeugen. Auch noch jetzt findet alljährlich am Sonntage nach Mariä Heimsuchung eine Wallfahrt der Katholiken aus dem benachbarten Böhmen unter Gesang zur Fürstenauer protestantischen Kirche statt. Sie verrichten dort vor dem Bilde knieend ihre Andacht und ziehen dann singend wieder über die Grenze zurück.
Zur Zeit der hussitischen Unruhen (um 1419 bis 1436) wurde das genannte Marienbild des Nachts von Dieben entwendet; diese aber sollen sich im Walde verlaufen und sodann, um den Weg aufzusuchen, das Bild einstweilen in einem Strauche versteckt haben. Kaum sei aber das Bild aus ihren Händen gewesen, so hätten sie auch den Weg wiedergefunden. Als nun einer der Diebe wieder zurückgegangen, um das Bild nachzuholen, sei dasselbe nirgends aufzufinden gewesen, so hätten die Diebe unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Das Bild aber ist tags darauf wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen. Einer der Diebe soll dies seinem Beichtvater noch auf dem Sterbebette entdeckt haben.