IX.
Ortssagen.

Was in diesem letzten Abschnitte unter dem Begriffe der Ortssagen zusammengefaßt wurde, besteht einerseits aus bloßen chronikalischen Mitteilungen über Orte oder über Begebenheiten, welche sich an bestimmte Plätze knüpfen. Diese Erzählungen, und dies gilt besonders auch von einigen alten Gebräuchen, gehören demnach nicht dem eigentlichen Sagengebiete an; doch möchte ich sie nach dem Vorgange Carl Haupts in dessen Sagenbuche der Lausitz nicht unberücksichtigt lassen, und zwar umsomehr nicht, als sich bei manchen derselben ein schwacher Schimmer der dichterischen Gestaltungskraft des Volkes zeigt. Andererseits haben einige dieser Ortssagen wieder etwas vom mythischen Charakter an sich, so daß sie vielleicht auch in einer der vorhergehenden Abteilungen, besonders bei den Wundersagen, hätten untergebracht werden können. Hierhin gehören z. B. manche der Mitteilungen über die Gründung von Ortschaften und die Entdeckung reicher Erzgänge. Häufig hat die dichterische Phantasie des Volkes die Namen von Orten, Bergen und Felsen, sowie von Ortssiegeln und Wappen erfaßt, und solche Überlieferungen mußten deshalb in diesem Abschnitte, ebenso wie diejenigen von den Wahrzeichen der Städte, eine Stelle finden. Letztere können bloße Zeichen der Gewahrsame d. h. Umgrenzung der Orte, oder Symbole der Bürgerschaft und mißverstandene Wappen und Bilder sein; oder sie sind auch nur Andenken einer Sache, Sitte, oder Begebenheit aus früherer Zeit. Verwandt mit solchen Wahrzeichen sind alle die sprichwörtlichen Redensarten und Scherze, welche sich auf die Lage oder Eigentümlichkeit eines Ortes oder den Charakter und die Beschäftigung seiner Bewohner beziehen; manche derselben müssen auch auf eine bestimmte Begebenheit oder die That eines Einzelnen zurückgeführt werden. Anhangsweise wurden den sprichwörtlichen Redensarten auch eigentliche Sprichwörter (und Rätsel) beigefügt, insofern dieselben der Beschäftigung der Bewohner oder gewissen Beobachtungen an denselben entsprungen sind.

494. Entdeckung der Freiberger Silbererze.

(Petrus Albinus, Meißnische Bergk-Chronika. Dreßden, 1590. S. 10.)

Auf eine Zeit ist ein Goslarischer, oder wie etliche bloß setzen, sonst ein sächsischer Fuhrmann zu Hall durchgefahren und hat Salz ins Land zu Böhmen führen wollen, weil dasselbe Land auf den heutigen Tag aller Ding die Fülle, allein kein Salz hat. Dieser Salzführer, als er fast an die Grenzen des böhmischen Gebirges, gleich um die Gegend, da jetzo Freiberg stehet, kommen, hat er ohngefähr ein Geschiebe von einem gediegenen Glanz oder Bleierz in einem Wagengleis gefunden, dasselbe, weil es schön gleißende und schwer gewesen, auf den Wagen geworfen und im Wiederkehren mit sich gen Goslar gebracht. Daselbst, nachdem es von den Bergleuten probiert und im Silber viel reicher als der Goslarische Glanz und Bleischweif befunden worden, haben sich die Sachsen alsbald aufgemacht, sind dahin auf Nachrichtung des Fuhrmannes gezogen, da er das Geschiebe gefunden hatte, haben Gänge ausgerichtet, eingeschlagen und geschürft, und da es ein gut Ansehen genommen, folgend getrost Kübel und Seil eingeworfen, in Eil etliche Röschen getrieben, damit sie die Gebirge etwas verstollet, und das Wasser verschroten, auf daß sie ohne Hindernis bauen mögen, und haben also in Summa die Sachsen das Bergwerk im Lande Meißen rechtschaffen rege gemacht.

495. Der Anfang der Stadt Freiberg.