(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl., Prosaischer Anhang, No. 1.)
Um das Jahr 1651 war Agnes Katharina von Bünau, geb. von Ponikau, Besitzerin von Lauenstein. Ihr Gemahl war auf einer Reise nach Mainz gestorben und hatte sie in Mutterhoffnungen zurückgelassen. Im dritten Monat ihres Wittums gebar sie einen Sohn, der unter der sorgsamen Pflege der Mutter und einer Amme wohl gedieh. Der Knabe war wenig über das zweite Jahr alt, als einst an einem schönen Sommertage Frau Katharina mit der Amme ohnweit des Schlosses auf jenem Hügel lustwandelte, welcher jetzt der Pavillon heißt. Als der Knabe in den Armen der Amme entschlummert war, sprach die Mutter: »Laß uns Blumen pflücken, damit wir ihn dann mit einem Kranze schmücken.« Die Amme bettete das Kind an der Höhe des Hügels in das weiche Gras und half sodann der Herrin die Blumen zu dem Kranze pflücken. Da schoß plötzlich aus der Höhe über dem nahen Forste ein gewaltiger Raubvogel herab auf das schlummernde Kind, faßte es mit den Klauen und schwang sich damit in die Höhe. Doch schien des Knaben Last seinem Fluge hinderlich, denn kaum achtzig Fuß hoch flog er langsam nach den Felsklüften und Wäldern jenseits des Schlosses. Jetzt gewahrten die beiden Frauen den Raub des Kindes. Zum Tode erschrocken schlug die arme Mutter die Hände vor das Gesicht und sank ohnmächtig nieder; die Amme aber verfolgte schreiend und händeringend den über ihr fliegenden Räuber. Schon schwebte derselbe über dem hohen und felsigen Hügel, der im oberen Teile des unmittelbar vor dem Schlosse liegenden Städtchens Lauenstein sich erhebt, – da fiel ein Schuß. Ein Jäger, welcher, aus dem nahen Forste zurückkommend, die Gefahr sah, hatte den Schuß gethan und gut getroffen. Der Vogel stürzte tot zur Erde und lebend und wohlbehalten hing das geraubte Kind an den Klauen des erschossenen Vogels.
Zum Andenken an diese wunderbare Rettung ihres Söhnchens ließ Frau Katharina auf dem Hügel, wo der Vogel tot niederstürzte, einen Turm erbauen und später auch eine Glocke darin aufhängen. Dieser Turm ist zur Ruine geworden und die Glocke hängt jetzt auf dem Turme der Lauensteiner Kirche; der Hügel aber heißt heute noch der Katharinenstein.
576. Die Kutte bei Elterlein.
(Erzgeb. Bote, 1809, No. 2. Desgl. bei Ziehnert a. a. O., Anhang, No. 35.)
Ein Grünhainer Pater empfand auf dem Wege zur Kapelle, wo er seines Amtes warten wollte, große Hitze und setzte sich im Walde nieder, um zu verkühlen und auszuruhen; aber im Niedersetzen berührte ihn etwas von hinten so unsanft, daß er vor Schmerz laut aufschrie. Er untersuchte den Boden und fand einen starken Zacken gewachsenen Silbers, der drei Zoll lang aus der Erde hervorstand. Um die Stelle sicher zu bezeichnen, zog er seine Kutte aus und legte sie darüber. Dann eilte er in vollem Laufe nach Grünhain zurück und erzählte von seinem Funde voller Freude dem Abte. Bald darauf ward an der mit der Kutte bezeichneten Stelle ein regelmäßiges Berggebäude angelegt, welches lange Zeit gute Ausbeute gab und noch jetzt die Kutte heißt.
577. Sechs Brüder bei Geyer.
(Ziehnert, Sachsen Volkssagen, Anhang, No. 37.)
Im Jahre 1632, als kaiserliche Truppen von der Burg Scharfenstein die ganze Umgegend durchreisten und plünderten, war es einem Trupp herzhafter Burschen aus Elterlein und Zwönitz gelungen, in der Nähe von Scharfenstein sechs Österreicher, welche im dichten Walde schliefen, zu überfallen und gefangen zu nehmen. Was nun mit den Gefangenen zu beginnen sei, darüber entstand bei den Siegern heftiger Streit. Die von Elterlein meinten, daß es das beste sei, sie sämtlich tot zu schlagen; die von Zwönitz wollten nichts davon wissen und brachten es dahin, daß man zuletzt beschloß, sie zur Armee zu bringen. So zogen sie fort. Als sie in die Nähe von Geyer kamen, erhob sich der Streit von neuem, und weil die Elterleiner mit Gewalt drohten, so wurden die Zwönitzer voll Ärger und schieden von ihnen, die Gefangenen ihrem Schicksale überlassend. Dieses war ein trauriges. Denn kaum waren die Zwönitzer im Walde verschwunden, so fielen die mordlustigen Elterleiner über die wehrlosen Opfer ihrer Wut her und ermordeten fünf Österreicher auf die grausamste Weise; den sechsten aber warfen sie in ein tiefes Loch, in welchem ihn die Vorübergehenden noch am andern Tage jammern hörten.
Zum Gedächtnis dieser Greuelthat heißt jene Stelle der Wiesen bei Geyer noch jetzt »sechs Brüder,« ohne daß man bestimmen kann, ob wirklich die sechs unglücklichen Österreicher Brüder gewesen sind.