Noch zeigt man am Gasthofe zum Bade in Sayda den Judenbrunnen. Nach einer anderen Überlieferung erinnert derselbe, ebenso wie eine Wiese, welche der Judenkirchhof genannt wird, an die alte Judenvorstadt, welche außerhalb der alten Stadtwälle etwas unterhalb des Judenkirchhofes auf einer Wiese lag, die jetzt noch den Namen »Flecken« trägt. Als im Jahre 1465 die Stadt abbrannte, wurde die Judenstadt nicht wieder aufgebaut, weil man den Juden die Schuld an dem Brande beimaß.

Man hat den Namen der Stadt und Burg Sayda (urkundl. Saydow, Seydowe) vom slavischen sid, der Jude, Adj. sidowy abgeleitet. Immisch (die slav. Ortsnamen im Erzgebirge, Programmarb., Annaberg, 1866) stimmt dem jedoch nicht bei, sondern hält die Ableitung vom slav. sad, die Anpflanzung, der Garten, für richtiger. Er meint, daß vor den Juden die Slaven eine Ansiedelung gründeten, mit der Zeit sei aber aus sadowy, d. h. die zur Ansiedelung Gehörigen, saidow, seidow, Sidow geworden, welche letztere Form sehr gut wegen der Ähnlichkeit mit Zidow, Judenstadt, verwechselt werden konnte.

706. Der Mühlgrabenstollen bei Schloß Scharfenstein.

(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgeb. Dresden, 1847, S. 299. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 591.)

Vom Fuße des Schloßberges Scharfenstein schiebt sich eine schmale, niedrige, kaum 10 Meter hohe Felsenrippe weit in das Thal hinein. Durch dieselbe wird die Zschopau genötigt, eine beinahe wieder zurücklaufende Krümmung zu machen und das Thal im weitesten Bogen an seinem äußersten Rande zu umkreisen. Bereits im 16. Jahrhunderte wurde ungefähr in der Mitte dieser Felsenbank ein 30 Meter langer Stollen durch dieselbe gebrochen, um das Flußwasser mit recht viel Fall zu der jetzt Fiedler-Lechla'schen Spinnerei zu leiten. Im Jahre 1834 wurde derselbe erweitert, was später noch einmal geschah.

Die Sage erzählt nun über die Entstehung dieses Stollens folgendes: Nach dem dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern Scharfensteins wie anderwärts Räuber und Wildschützen, welche sich meist aus den entlassenen Söldlingen rekrutierten, umher. Ein Herr von Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern, und es gelang ihm auch endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr zögerte nicht, diese Strafe auch über die beiden gefangenen Raubschützen verhängen zu lassen. Dieselben sollten auf einen starken lebenden Hirsch, den man zu diesem Behufe eingefangen hatte, gebunden und dann ihrem weiteren Schicksale überlassen werden. Das war einen zehnfachen Tode gleich zu achten, denn man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere ihre schreckliche Last, zerfleischt und doch noch lebend mit sich herumschleppten. Als den beiden Missethätern das Urteil verkündigt worden war, erkannten sie sofort dessen furchtbare Bedeutung und sie flehten um Gnade. Den älteren von ihnen durchzuckte ein rettender Gedanke und er sprach zum Schloßbesitzer: »Gnädiger Herr, wir sind Bergleute unserem Berufe nach, und in diesem Fache gar wohl erfahren. Schon früher ist uns der Wunsch nahe gelegt worden, einen Stollen vom Wasserspiegel der Zschopau aus zu treiben, damit eine Wassermühle im Dorfe, an der es jetzt so sehr fehlt, angelegt werden könne. Erlaßt uns nur die furchtbare Strafe des Hirschreitens, und zur Sühne unserer Thaten machen wir uns anheischig, den besagten Stollen durch den hohen Felsen in Zeit von drei Tagen und drei Nächten zu treiben und zwar nur mit Schlägel und Eisen.« Der Schloßherr ging nach kurzer Überlegung auf den Vorschlag ein, und die beiden Verurteilten begannen sofort ihr schweres Werk. Es wurden ihnen Leute gestellt, welche die nötige Handreichung thun mußten, und genau nach Verlauf der ausbedungnen Zeit war der Stollen fertig. Die Wildschützen freilich waren vor Erschöpfung dem Tode nahe; halb entseelt lagen sie neben dem Stolleneingange. Doch erholten sie sich und der Ritter vom Scharfenstein hielt sein Wort und schenkte ihnen Freiheit und Leben.

Erzählt wird, daß der berüchtigte Raubschütz Carl Stülpner, Ende des 18. Jahrhunderts, ein Nachkomme des einen der Begnadigten gewesen sein soll.

707. Des Keglers Pflaster in Schneeberg.