Die kindlichen Naturmenschen konnten sich entfernte Erscheinungen, welche sie am Himmel oder im Luftkreise beobachteten, nur durch Vergleichung mit näheren bekannten erklären. So war ihnen der Blitz eine feurige Schlange, im Heulen des Sturmes hörten sie die Stimmen bekannter Tiere und die Wolken erschienen ihnen als Kühe oder Ziegen, welche statt der Milch Regen spendeten. Noch jetzt begegnen wir dieser Vorstellung in einem schwedischen Volksrätsel, dessen Lösung die Wolke ist: »Eine schwarzrandige Kuh ging über eine pfeilerlose Brücke, kein Mensch in diesem Lande die Kuh aufhalten kann.« (Manhardt, a. a. O., S. 89.) Jedoch sah man die Tiere der Erde im Himmel größer und gewaltiger wieder, und man fing an, diese himmlischen Wesen zu fürchten oder fühlte sich veranlaßt, ihnen für ihre Segensspenden zu danken. Als sich dann der Glaube an menschenähnliche, im Himmel wohnende Götter entwickelte, trat eine Verschmelzung derselben mit jenen himmlischen Tieren ein, indem man meinte, daß sich Götter selbst in solche Tiere verwandeln könnten, oder letztere ihnen als ihre Begleiter nahe standen. Später hefteten sich diese Überlieferungen an irdische Tiere und an Menschen, so daß z. B. aus dem die Blitzschlange bändigenden Sturmgotte Wuotan ein Mann wurde, welcher eine wunderbare Macht auf wirkliche Schlangen auszuüben imstande war. In dieser Weise haben wir die Sagen von dämonischen Tieren aufzufassen. (Grohmann, Sagenbuch von Böhmen und Mähren, I. S. 216.)
Ein wendischer Aberglaube berichtet, daß jeder Kobold die Gestalt eines Kalbes annehmen könne. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 88.) In unseren Sagen ist das gespenstische Kalb Anzeichen eines Krieges oder es springt des Nachts jemandem, der dann sterben muß, auf den Rücken und läßt sich forttragen. Zu Ypern wurde ein reicher Mann, der ein goldenes Kalb anbetete, nach seinem Tode verwünscht, die Gestalt eines Kalbes anzunehmen, das jedem, dem es begegnet, auf den Rücken springt. (Nork, Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 281.)
Das bereits genannte Mittagsgespenst nimmt auch zuweilen Tiergestalt an; so erscheint es im Jura unter dem Namen »Stollnwurm« als Drache. Als Bock sonnt es sich des Mittags am Charfreitage auf der Ruine Hagberg. In diesen Vorstellungskreis gehört vielleicht auch der Bock, welcher sich zuweilen des Mittags (aber auch des Nachts) um 12 Uhr am Bocksloche, einem alten Stollen in Oberschlema sehen läßt (s. Ortssagen.) Als Lamm erscheint das Mittagsgespenst am Tobelhötzli in der Aargauer Gemeinde, und hierher gehören wohl auch unsere Sagen vom weißen Schafe, das Menschen erschreckt, und vom weißen Widder mit goldenen Hörnern.
Aus der Auffassung des Blitzes als Schlange sind zahlreiche mythologische Vorstellungen hervorgegangen. Wie der Blitz die Gewitterwolke gleichsam spaltet, so daß dann die goldene Sonne wieder aufleuchtet, so sollen die himmlischen Schlangen einen kostbaren Edelstein verfertigen. Diese Vorstellung wurde später auf die irdischen Schlangen übertragen. (Mannhardt, a. a. O., S. 103.) Weit verbreitet sind die Sagen von dem Schlangenkönige, welcher auf seinem Kopfe eine goldene Krone trägt. Es drängt sich hier auch die Vermutung auf, daß die gelben Flecke hinter den Augen der Ringelnatter bei der Häutung zu dem Glauben von einer goldenen Krone Veranlassung gegeben haben. Wie der Schlangenkönig von Lübbenau in der Niederlausitz seine Krone auf ein feines weißes, großes Tuch niederlegte, so erzählt auch die erzgebirgische Sage gleiches von unserem Otternkönige oder unserer Schlangenkönigin. Karl Haupt (Sagenbuch d. Lausitz, No. 84.) bemerkt dabei, daß die weiße Farbe, welche das Tuch haben muß, auf die Repräsentanten der Finsternis einen zwingenden und siegreichen Zauber ausüben muß, so daß sie nun ihre Schätze opfern. Nach einem anderen Volksglauben aber, welchen Mannhardt (a. a. O., S. 103) anführt, legt der Schlangenkönig seine Krone auf ein rotes Tuch nieder.
137. Die Zwerge des hohen Steins.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 133.)
Der hohe Stein zwischen Graslitz und Markneukirchen war der Aufenthalt der Zwerge, welche von hier aus die umliegenden Häuser besuchten, den Leuten bei ihren Arbeiten halfen und ihnen manche Wohlthat erwiesen. Als aber die Knödel in den Topf und die Brote in den Backofen gezählt wurden, verschwanden sie nach und nach aus der Gegend.
Beim Baue der Steiner Pfarrkirche zeichneten sich dieselben besonders aus. Dieselbe sollte nämlich am Fuße des Berges, auf dessen Abhange sie sich gegenwärtig erhebt, zu stehen kommen, und viel Material hatte man bereits dorthin gebracht. Allein die Zwerge trugen des Nachts zu wiederholten Malen das Baumaterial auf die Anhöhe, bis man sich endlich entschließen mußte, dort das Gotteshaus aufzurichten. Der Bau schritt ungemein rasch vorwärts. Was die Maurer und Werkleute am Tage begonnen hatten, wurde von dem arbeitsamen Zwergenvolke während der Nachtstunden zur vollsten Zufriedenheit des Baumeisters hergestellt, so daß in kurzer Zeit der eherne Mund der Glocken die Gläubigen zum Hause des Herrn rufen konnte. Zum Andenken setzte man drei in Stein gehauene Bilder von Zwergen außen an die südliche Wand der Kirche, wo sie heute noch zu sehen sind.
138. Die Zwerglöcher auf dem Schwarzberge.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 57.)