Häufig haben sich die Zwerge auf dem Pürsteiner Burberge, sowie auf dem Leskauer Schloßberge aufgehalten. Ihr Hauptsitz war jedoch auf dem Schwarzberge und viele Höhlen führten in die Tiefe des Berges zu den Versammlungssälen. Diese merkwürdigen Höhlen, glatt ausgemeißelt und schön gewölbt, sind noch gegenwärtig im Volksmunde unter dem Namen »die Zwerglöcher« allgemein bekannt, und eines dieser Zwerglöcher enthält in einer etwas geräumigeren Weitung einen Brunnen, dessen Wasser in der ganzen Gegend gerühmt wird. Der Ort, wo die meisten Zwerghöhlen münden, wird die »Lihtmerskirch« genannt, und man sagt, es sei vor geraumer Zeit eine Kirche dort gewesen.
Die Zwerglein, die ehemals in diesen Höhlen gewohnt haben, beschäftigten sich hier häufig mit Kuchenbacken. Auch haben sie daselbst einmal ein Menschenkind beherbergt und das ging so zu: Eine Frau aus dem nahen Dorfe Leskau hatte in diese wilde Waldgegend einst ihr Kind mitgenommen, sie entfernte sich ein wenig von demselben und konnte es zu ihrem Schrecken nicht wieder auffinden. Alles Rufen und Suchen war erfolglos und so mußte die verzweifelnde Mutter ohne ihr Kind heimkehren. Ein langer Zeitraum war vergangen, als die Frau wieder einmal und ganz zufällig in jenen Wald kam. Da trieb sie ein unerklärliches Gefühl an, in eine der Zwerghöhlen hineinzugehen, und wen erblickte sie darin? Zu ihrem freudigsten Erstaunen ihr totgeglaubtes Kind, frisch und gesund und recht groß geworden, und es aß ein Stück Kuchen; denselben hatte es von den guten Zwergen bekommen, die seine Pfleger und Behüter geworden waren, seit es damals von der Mutter weggekommen und aus Neugierde in die Zwerghöhle geschlüpft war.
Edw. Heger leitet das Wort »Lithmer« von lih, der Leichnam, und mere, die in der Unterwelt herrschenden, den Tod bezeichnenden Mächte ab, so daß es also eine Stätte bezeichnen soll, welche die den Unterweltsmächten Verfallenen aufnimmt. Konnte man nicht auch eine andere Ableitung, nämlich vom mhd. lîte, der Abhang, die Halde, und maere, berühmt, berüchtigt, versuchen, so daß dann der Name »Lihtmerskirche« eine Kirche bezeichnet, welche auf einem berüchtigten, d. h. durch die Zwerge berüchtigten Abhange steht?
139. Das Zwergloch im Scheibenberge.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 33. Winter in der Constit. Zeitung, 1854, No. 282.)
An der Morgenseite des Scheibenberges befindet sich eine unbedeutende Höhle, das Zwergloch genannt. Darinnen wohnten sonst viele Zwerge, deren König Oronomossan hieß. Sie waren nicht über zwei Schuh lang und trugen recht bunte Röckchen und Höschen. Es schien ihr größtes Vergnügen zu sein, die Leute zu necken; sie thaten aber auch manchem viel Gutes und halfen vorzüglich frommen und armen Leuten. Einst, im Winter, ging ein armes Mädchen aus Schlettau in den am Fuße des Scheibenberges gelegenen Wald, um Holz zu holen. Da begegnete ihr ein kleines Männchen mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, das war Oronomossan. Er grüßte das Mädchen und rief gar kläglich: »Ach, Du liebe Maid, nimm mich in Deinen Tragkorb! Ich bin so müd' und es schneit und ist so kalt und ich weiß keine Herberge! Drum nimm mich mit zu Dir in Dein Haus!« Das Mädchen kannte den Zwergkönig zwar nicht, aber da er gar zu flehentlich bat, so setzte sie ihn in ihren Tragkorb und deckte ihre Schürze über ihn, damit es ihm nicht auf den Kopf schneien möchte. Darauf nahm sie den Korb auf den Rücken und trat den Rückweg an. Aber das Männchen in dem Korbe war zentnerschwer und sie mußte alle Kräfte zusammennehmen, daß sie die Last nicht niederdrückte.
Als sie nach Hause gekommen, setzte sie den Tragkorb keuchend ab und wollte nach dem Männchen darin sehen und deckte die Schürze ab. Aber – wer schildert ihr Staunen? – das Männchen war fort und statt seiner lag in dem Tragkorbe ein großer Klumpen gediegenen Silbers!
Nach einer anderen Sage soll jenes Mädchen eines Schneiders Tochter aus Schlettau gewesen sein und um das Jahr 1535 gelebt haben. Sie sei auch nachher noch mehrmals bei dem Zwergkönige im Scheibenberge gewesen und habe für ihn, seine Frau und Kinder Kleider machen müssen. Dafür habe sie solche Geschenke erhalten, daß sie zu großem Vermögen gekommen sei und nachdem sie sich verheiratet, eine der reichsten Familien in Schlettau begründet habe. Nach dem dreißigjährigen Kriege aber seien ihre Nachkommen verarmt und zuletzt wieder so herabgekommen, wie zu der Zeit, wo sie den Zwergkönig zuerst gesehen hatte.
Das Geschlecht der Zwerge hat seine Wohnungen in den Bergen. Zwerglöcher kennt man wohl überall in Deutschland. In Schlesien ist eins auf dem Prudelberge bei Stonsdorf, in der Lausitz giebt es welche auf dem Dittersberge bei Schönau auf dem Eigen und am Fuße des Breitenberges bei Zittau (Haupt, Sagenbuch etc. I. No. 24.), in Böhmen bei Warnsdorf und im Kammerbühl bei Franzensbad (Grohmann, Sagenbuch etc. S. 180.), im Vogtlande bei Stublach und bei der Milbitzer Ziegelei (Eisel, Sagenbuch d. Vogtl. No. 26.), im Mansfeldischen am Kammerbache bei Freiersdorf und in der Steinklippe zwischen Hermerode und Wippra (Größler, Sagen der Grafsch. Mannsfeld, No. 153 und 155.), und so erzählt die Sage noch von vielen anderen Orten, an denen die Zwerge die Zugänge zu ihrem unterirdischen Reiche hatten.