Hätt' ich nur von tausend Küssen
Manchen, den ich kaum genoß,
Weil ich, ohn' es selbst zu wissen,
Oft in trunkner Lust zerfloß;
O, wie ratsam wollt' ich ihn
Jetzt aus deinen Lippen ziehn!
Was zu tun? Die Zeit heißt warten,
Wenn uns Glück und Not probiert:
Frost und Schnee verstellt den Garten,
Bis der Lenz die Stöcke ziert,
Da uns denn der Rosen Pracht
Nach dem Winter holder lacht.
Also, liebste Leonore,
Trägt auch meine Redlichkeit
Unter diesem Trauerflore
Noch ein grünes Hoffnungskleid
Und verspricht sich noch so schön,
Neben dir bald bunt zu gehn.
Sammle nur auf jene Stunde,
Die die Wiederkunft bestimmt,
Neuen Geist und Kraft im Munde,
Stärke, was im Auge glimmt!
Ja, verspar' auf diesen Tag
Alles, was entzücken mag.
O, mit was vor süßem Lallen
Werden wir alsdann, mein Kind,
An- und umeinander fallen,
Bis die Zunge Kraft gewinnt
Und durch holdes Wort entdeckt,
Was wir innerlich geschmeckt!
Echo mag indes mein Klagen
In der grünen Einsamkeit
Durch die weiten Förste tragen;
Dort erwart' ich, liebste Zeit,
Dich, du Bote neuer Ruh;
Ich will warten, eile du!
[Aus einem Schreiben an seine Magdalis]
Wie hör' ich das von dir, betrübte Magdalis!
Daß deine Schönheit weint und sich dadurch verzehret?
O trauervolle Post, o allzu harter Riß,
Der mich in kurzer Zeit dem Tode selbst gewähret.
Mein Kind! bedenke mich; was beugst du mir das Herz,
Weil ich erfahren muß, daß mir dein Ohr nicht glaube?
Warum vergrößerst du den ungemeinen Schmerz?
Dein Zweifel zwingt mich fast, daß ich mein Leben raube.