Ich will mein Kreuz in Rechnung bringen:
Die Menge läßt es nicht geschehn;
Ich will mich durch Verzweiflung zwingen:
Ja, dürft' ich keinen Himmel sehn;
Gewohnheit macht die Not erträglich,
Jedoch nicht mir, sie ist stets neu,
Der Himmel aber unbeweglich;
Wer sagt, wie mir zumute sei!


Ich selbst verfalle vor den Jahren
Und zehre mich fast stündlich ab
Und denke bei den grauen Haaren:
Gott geb, jetzund erscheint das Grab.
Erschein' ich einmal auf den Festen,
So fragt mich jede Schäferin,
Warum ich bei so schönen Gästen
Nicht aufgeräumt und munter bin.


Ach Schweidnitz, könnt' ich dich vergessen,
O, was entbehrt' ich jetzt vor Gram!
Ich habe deine Milch gegessen,
Seit diesem acht' ich keinen Rahm.
Lebt wohl und grünt, ihr fetten Auen,
Und weidet Leonorens Brust,
Ich werd' euch wohl nicht wieder schauen,
Es machte denn ein Traum die Lust.


Ach läge doch mein Haupt im Schlummer
Nur noch in Leonorens Schoß!
Wie gern erlitt' ich allen Kummer,
Mein Elend wär' auch halb so groß.
Hier miss' ich nun in fremden Grenzen
Glück, Ehre, Vaterland und Ruh:
Geht, Nymphen, geht mit euern Kränzen
Und werft mir lieber Buchsbaum zu.

[Aus den »letzten Gedanken«]
In schwerer Krankheit


Etwas drückt mir noch das Herz, daß ich jetzo doch nicht wüßte,
Daß die Liebe, wenn sie trennt, gar zu heftig plagen müßte!
Komm, du Liebste meines Herzens, schau, es geht zur letzten Ruh,
Komm und drücke, schönste Seele, mir nur noch die Augen zu.
Ich gesteh' es offenbar in dem Antlitz aller Zeiten,
Seit mich deine Tugenden in den Liebesseilen leiten,
Hab' ich in der Tat erfahren, daß Verfolgung kluger Treu
Bei den halbverstohlnen Küssen starker Lebensbalsam sei.
Brich nur jetzt den Hoffnungsstab, reiß den Myrtenkranz in Stücke,
Halt den zugesagten Ring und beweine das Geschicke
Und gedenk' an deinen Dichter, der dich mit Gefahr geliebt
Und dir jetzt die kalten Tränen, den betrübten Brautschmuck gibt.
Glaub' es, Kind, der süße Trieb, der in mir dein Bild erlesen,
Ist kein kindisches Vergehn oder flatterhaftes Wesen;
Dein Verstand zieht kluge Seelen und entschuldigt meine Brunst.
O, was braucht es, dich zu lassen, vor so große Sterbenskunst!
Gute Nacht vor dieses Mal! Auf den Elyseerfeldern
Will ich, bis du nach mir kommst, unter Palm- und Lorbeerwäldern
Deines hellen Anblicks warten und, sobald nur dies geschehn,
Meine Seligkeit vollkommen, meine Flammen ewig sehn.
O, was werden wir alsdann vor Ergetzlichkeit erfahren,
Wenn wir uns mit jener Zahl der verliebten Dichter paaren,
Wenn dir dort die schöne Laura, gleich wie mir Petrarch erzählt,
Wie sie beiderseits ihr Scheiden in der Eitelkeit gequält.
Welch betörtes Fabelwerk treibt mich in den letzten Zügen?
Nein, mein Kind! Wir finden dort noch ein gründlicher Vergnügen,
Davids Saiten, Assaphs Harfe und die schöne Sulamith
Rufen uns nach Zions Bergen, wo man Sarons Rosen tritt.
So ein ungezähltes Heer von des Allerhöchsten Knechten,
So viel tausend Heilige, so viel Seelen der Gerechten
Werden uns Gesellschaft leisten und nach überstandner Pein
Vor des Lammes Gnadenstuhle lauter Jubelchöre schrein.