[An Selinde, die Leipziger Leonore]
Hier setze dich, verschämtes Kind!
Hier ist gut sein, hier laß uns bleiben,
Wo Lind' und West gesprächig sind
Und Fels und Wald den Gram vertreiben.
In dieser grünen Einsamkeit,
Wo Bach und Stein' und Blätter rauschen,
Soll weder List, Gefahr noch Neid
Den süßen Frühlingsscherz belauschen.
Die Schätze deiner keuschen Zucht
Und der noch unberührten Brüste
Sind wahrlich eine seltne Frucht,
Nach der ich innerlich gelüste;
Erschrick nicht vor der schnellen Hand
Und laß sie in dem Busen spielen;
Ich führe dich in einen Stand,
Des Lebens Kern und Mark zu fühlen.
Wohin mein Kuß die Wange drückt,
Da wächst der Rosen Glanz und Menge;
Sobald mich nur die Haut entzückt,
Kommt Herz und Sehnsucht ins Gedränge;
Da wallt, da springt es in der Brust,
Da will es sich genau verbinden;
Ach, paare doch mit ihm die Lust
Und laß es seine Ruhstatt finden.
Vor was errötest du, mein Licht?
Ich werde dich nichts Böses lehren,
Du kennst das süße Spiel noch nicht,
Dein Anblick raubt mir Sehn und Hören.
Die Liebe wünscht dich in ihr Reich,
Gehorch ihr doch auf mein Erklären,
Sie wird sich dir und dies zwar gleich
Mit aller ihrer Lust gewähren.
Sie ist der Erden höchstes Gut,
Sie gibt dem Leben erst das Leben:
Erforsche nur dein eigen Blut,
Es wird dir heißen Beifall geben.
Ich weiß, ein unbekannter Zug
Erhitzt dir Adern, Brust und Wangen,
Ach, werde doch beizeiten klug
Und hintertreib nicht dein Verlangen.
Beschau die Werke der Natur,
Betrachte Bäume, Feld und Tiere,
Und lerne, wie der Liebe Spur
Dich überall zum Scherzen führe.
Wodurch sind ich und du denn da?
Zu was bist du nebst mir geboren?
Der, so die Welt im Wesen sah,
Hat uns zum Lieben auserkoren.