„Das ist eine Gewissensfrage,“ erwiderte sie lächelnd. „Wir Frauen hängen einerseits mehr als die Männer von äußeren Eindrücken ab. Die Stätte, die uns groß gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Fröhlichen und weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frühern Zeit bleiben treuer in unserm Gedächtnisse und behaupten länger ihren Einfluß auf unsere Neigungen, Wünsche und Hoffnungen, als es bei dem Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt, wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwächt und der Traum von den zukünftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.“
„So möchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem Gatten?“
„Ich habe,“ sprach sie, „nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen Herzens gesprochen, die andere wird mehr für meine Zufriedenheit reden. Unser demütiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schöpfung, wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schließen wir uns an, ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten. Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der Gegenwart, wenn dieser auch nicht über die vier Wände des Hauses hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene Herz und übt seinen verklärenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das häusliche Glück überwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren Entbehrungen.“
„Aber unbegreiflich ist es mir,“ sagte Oswald, „wie der Pastor sich hier wohl fühlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich bewegtes Leben hat kennen lernen müssen?“
„Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland zugebracht und sie zu Reisen in den schönsten Strecken unseres großen Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was großstädtischer Verkehr und großstädtische Sitte Angenehmes haben.“
„So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt entbehren muß?“ bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das kleine Bücherrepositorium geworfen hatte.
„Sie meinen,“ lächelte die Pastorin, „weil Ihnen da die Titel arabischer und persischer Bücher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit her, in welcher, wie Hold sagt, der altertümliche Reifrock der seligen Großmama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt muß ich bei vielen dieser Bücher dafür sorgen, daß der Staub nicht ihre goldenen Titel bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrüns der jungen Liebe.“
„Natürlich müssen die einzelnen Lieblingsstudien,“ sagte Mander, „bei dem gebildeten Manne vor dem Interesse für die großen, neuen Fortschritte der Wissenschaft zurücktreten; und so wenig ich auch mit der theologischen Literatur bekannt bin, so weiß ich doch, daß der Theologe, der eine übersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectüre versorgt ist.“
„Wenn es dem Halligprediger nur vergönnt wäre,“ entgegnete die Pastorin mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als vor fremde Ohren gehörte, „etwas für die Befriedigung des wissenschaftlichen Bedürfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und meinte noch neulich, daß die Vierteljahrsgage eines der geringsten Opernsänger oder Ballettänzer ausreichen würde, um den vom Weltverkehr und vom Büchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die Schriften und Journale in die Hände zu geben, welche sie vor Lücken in der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren könnten. Dazu kommt der tägliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe der Halligbewohner und der gänzlich fehlenden Mithülfe der Eltern fast nur auf die ersten Anfangsgründe beschränkt.“
„Wie!“ riefen Mander und Oswald erstaunt, „der Geistliche ist verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?“