„Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein,“ entgegnete Hold; „aber sehe ich, daß seine Winkelzüge eben erst die Stürme hervorgerufen haben und die Klippen entstehen ließen; sehe ich, wie er eine Grube zu seinen Füßen gräbt, während er sich selbstgefällig seiner Voraussicht in die Zukunft rühmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der Heiligkeit der Verträge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem Munde Gott und alle Heiligen für sein gutes Recht und um Bestrafung des Treubruchs anzuflehen, während er den andern Fuß aufhebt, um die Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann, oder vielmehr die Politik, die er repräsentirt, als die große babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Völker sättiget.“

„Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewöhnlichen Moral, die im häuslichen und bürgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die Leitung des Geschicks der Völker übertragen?“

„Ja wol will ich das,“ erwiderte Hold mit großem Eifer. „Gerechtigkeit und Treue sind kein Menschenfündlein, an dem gedreht und gedeutelt werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten lenket mit Rat und Weisheit und die Völker des Erdkreises richtet mit Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkörnlein Erde die Miniaturgeschichte eines Pünktchens übersehe und ein paar Sekunden lang sie weiter führen soll, darum bin ich erhaben über das Gesetz des Schöpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke ist so mitleidswert armselig, daß man ihn nur belächeln könnte, wenn er nicht zugleich so verächtlich wäre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes als allein bestimmende Richtschnur noch keine Stätte gefunden hat in der kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese ein Räderwerk, das von Blut und Thränen träuft, und das, in wilder Unordnung bald vorwärts, bald rückwärts gehend, den Baumeistern nur Schande macht. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Würfelspiels, ein immer neu geöffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat eine Schuldbank, die nur von neuen Gläubigern vor dem Einsturz bewahrt wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Völker und ihrer Hirten in der Furcht, daß die eben glücklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder losrädere; und um diesen ängstlichen Stillstand zu erhalten, müssen große stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerühmten Frieden, dem Meisterstück der Diplomatie.“

„Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmännern zur Last legen.“

„Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Göttin, der sie huldigen. Können Sie sich denken, daß der Zustand Europa’s schlimmer wäre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten gegen einander die Gesetze derselben als höchste Norm befolgt hätten?“

„Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden,“ erinnerte Oswald. „Ein vorherrschender Staat würde Einseitigkeit in die Intelligenz der Völker bringen, würde die freie Entwicklung der Nationaleigentümlichkeit hemmen, würde die andern Herrscher zu Sklaven eines allmächtigen Willens herabwürdigen. Und alle Politik geht doch am Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Völkern.“

„Was die Völker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, daß jedes Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung über die natürlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu solcher Ausdehnung verführte. Sie wissen, daß dies gerühmte, mit so viel tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkämpfende Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der größern Staaten gegen einander ist, während die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich zerstückeln lassen müssen. Dies wissen auch die Fürsten dieser Staaten und zögen gern sich und ihre Länder aus jenem Conflict heraus, in welchem das Recht des Stärkern allein gilt, und der heiligste Vertrag nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht würde aber auch nie solche Störungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Störenfried die diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so sehr erleichterten. Ist ein glücklicher Gegenkampf gegen einen solchen begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelsüchtigen Auge hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen könne, und öffnet das Auge für das, was so nahe liegt, für das durch solches Mißtrauen dem zu bekämpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher, als bis es zu spät ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?“

„Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen Napoleon erinnern,“ rief Oswald, „in welchem auch mein Vater mitgestritten hat.“

„Gerade jener Kampf spricht für mich,“ entgegnete Hold. „Es war für die unterjochten Fürsten und Völker ein Augenblick der Begeisterung, der sich über die diplomatischen Winkelzüge der Politik erhob. Wenn dieser Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben politischen Seitenblicken, wie die früheren Kämpfe gegen jenen Eroberer, geführt worden wäre, was würde der Erfolg gewesen sein? Was aber die Weisheit der Staatsmänner in jenen Tagen an Großartigkeit angenommen, das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der über Altäre, Throne und Hütten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur. Daß die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der höchsten Not zum Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehört, eine Heuchlerin zu sein? Und hat sie nicht schon während jenes Gebetes, während sie die Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrütet? Hat sie nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrümmt und auf das Siegesfeld die Drachenzähne neuer Zwietracht ausgesäet?“

„Sie mögen darin Recht haben,“ erwiderte Mander; „jedoch werden Sie auch zugeben, daß mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den Grundsätzen der Moral sich seinen Untergang bereitet hätte, dem er nur durch eine gewandte, den Umständen und Verhältnissen sich anbequemende Politik entgangen ist.“