„Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, daß es so weit gekommen ist, daß der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, daß die Notwehr uns die unwürdige Waffe des Angreifers in die Hände zwingt. Vergessen Sie jedoch nicht, daß trotz seines politischen Spiels und vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang gefunden hat, und daß wir die Geschichte der Staaten allein vor uns haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht behaupten können, das Bestehen eines einzelnen Staates hätte außer der Reihe der Möglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste Treue vor Augen gehabt hätten.“
„Das möchte ich doch Keinem raten,“ meinte Oswald, „so lange nicht die Politik Aller sich zu Ihren Grundsätzen bekehrt hat, und dahin wird es nie kommen.“
„Und warum sollte es nie dahin kommen?“ antwortete Hold. „Was wahr und recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine Blütenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen. Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen finden, dort im Sande der Wüste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau und Sonnenschein, um den Boden allmälig zu bereiten und ihn empfänglich zu machen für die gute Saat. Aus all’ dem Irren und Wirren hienieden wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens hervorgehen, das seinen glücklichen Bürger nicht ahnen läßt, mit welchem Blut der Boden gedüngt ist, den er betritt; mit welcher Täuschung die in den Gräbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her wandelte, ohne daß sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei Gesetz stellte, eines für die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen Herrn, über Alles lieben und Deinen Nächsten als Dich selbst! und das andere für die Gesammtheit derselben Menschen, für den Staat: Du sollst nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nächsten übervorteilen, wie Du kannst!“
„Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer,“ sagte Mander lächelnd, „nur der schöne Traum eines liebevollen Herzens, und würde nicht einmal, wenn es möglich wäre, förderlich sein für die Entwickelung der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr erhalten, soll die Kraft stählen, den Geist schärfen. Die Geschichte muß eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der übrigen Schöpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwälzungen deutende Veränderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskörpern! Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrüche; welche Zeiten der Dürre oder überflutender Wolkenbrüche und dergleichen gehören zur Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren, welches Recht des Stärkern, welche Beraubung und Erwürgung der Schwächern unter ihnen!“
„Und davon,“ entgegnete Hold, „wollten Sie eine Anwendung auf die Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das Vermögen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende für die Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkündet, welche alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten ließ auf Erden, einer Herrlichkeit, die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?“
„Mußte nicht auch Christus kämpfen, leiden und sterben, und ist nicht auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?“
„Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mörder bleiben müssen durch die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheißungen? Sollten Ihn zum Hausgott bestellen für unsern kleinen häuslichen bürgerlichen Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mörder war von Anfang an? Nein, so gewiß wie, von Christo ganz abgesehen, der über jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewiß wird auch dies Evangelium durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Höhen hinauf; und dann erst ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der Zwietracht, sondern in der Liebe thätig ist; dann wird mancher jetzt in der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte Trümmer und zertretene Schädel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit füllen, während man eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half zum Aufbau der bessern Zeit.“
„Und doch,“ bemerkte Oswald, „haben die scheinbar verderblichsten Kriege auch mit zur Förderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.“
„Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die Gewitter reinigen die Luft und fördern einen schönen Tag herauf. Aber dieser schöne Tag muß droben über den Wolken und Stürmen bereitet werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene heillose Kraft, die aus den Dünsten geboren ist, die sie zerstreuen.“
Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach ihn hier lächelnd, indem sie sagte: „Die Dünste meines Thees würden auch längst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so friedsamer Natur wären.“