Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklärung unserer Zeit, sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche Wachsfläche verstehen, worin die äußeren Eindrücke allerlei Figuren malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten übereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Götterspruch nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen nur durch glückliche Umstände, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu tobenden Ausbrüchen der Leidenschaften kommen läßt, davor bewahrt bleiben, Diebe und Mörder zu heißen. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust, Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist kein Gesetz da, das schärfer als ein zweischneidig Schwert teilet zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Sünde. Wie im lauen Wasser Wärme und Kälte gemengt sind, so ist auch in unserem selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und bald links führt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein völliges Abirren auf den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die Völker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne das Wort niederleuchtet: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!“ dann freilich wird das weiche Wachs unseres Gesetzes vor den Flammenstrahlen seines Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser gefügiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens hinstreifte, auf daß wir keine Entschuldigung hätten, als wäre uns verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. — Die Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewöhnlich genommen wird, muß aufhören, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebräu von Lebensklugheit, Sorge für den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem Teil natürlicher Gutmütigkeit, die eben so gut Charakterschwäche heißen mag, und einem Teil Erkenntnis des göttlichen Willen, die aber nicht recht weiß, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal aufrüttelt, unstät im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geöffnet ist für das gegebene Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur, wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst nicht! es erlaubt sich kein Urteil über die Umstände und Verhältnisse; sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes über den Fall, der vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die Anläufe böser Neigungen und Begierden, daß es sein Licht und seine Kraft nimmt aus einer Höhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fällt es der Knechtschaft anheim; ist nur ein vielleicht hochmütiger, aber doch williger Diener alles ungöttlichen Wesens und der weltlichen Lüste, und trägt die Livree seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: „Gieb mir, wo ich stehe!“ dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt überwinde. Es hat sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein leiblich Auge das Licht von Außen her, um zu sehen. Ist denn etwa der inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und Seelenthätigkeiten so getrennt und gespalten, daß jede ihr eigenes Gebiet habe, welches sich frei hält von aller Berührung und Einwirkung der andern? Daß jede schaffet und waltet für sich, ohne von der Bewegung der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also daß, während das Herz sich krümmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, während die Sinnlichkeit der bösen Lust zustrebt, während die Klugheit eigennützig rät, den breiten Weg zu wählen, daß nun das Gewissen, ohne einen Führer außerhalb dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einfluß dieser Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verführerischen Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald übertäubt werden, wenn ihm keine Hülfe von Außen her wird? Wenn lange Gewohnheit leichtsinnig und gleichgültig machte gegen den Weg, den wir wandeln, wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fuß einmal so bequem und natürlich geworden sind, daß es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, andere zu wählen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schläfst? Wird es stille stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von Dir wäre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja, daß Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst überwinden sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht, Antwort von der Frage. — Es muß Etwas außer uns sein, wohin wir schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist über die Nebeldünste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht selbst den Weg malen, den wir für den richtigen halten, sondern auf dem er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fußes Leuchte ist, und ein Licht auf dunklen Wegen. Es muß ein heiliger Wille uns verkündet sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionären Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein Totschläger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz Gottes: Du sollst nicht töten! vergaß, und die eigenen Ansichten und Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht gegen sein Gewissen lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelüstens, das Treiben in zeitlichen Geschäften, der behagliche Genuß des weltlichen Friedens Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel öffnet, keine ernste Frage nach den göttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des göttlichen Gesetzes zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer höheren Welt anschlägt, ist nur ein Nachklang des früher erkannten göttlichen Gesetzes, oder ein Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger, als ein Abglanz der Herrlichkeit des göttlichen Gesetzes. Ein Spiegel ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachäffung dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet sich nach der Munterkeit oder Müdigkeit seiner Glieder, nach der Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch’s Leben ohne Gesetz von Außen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Säumen und kein Wanken, da gilt kein Fürchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen und kein Deuteln zuläßt, das keine Vorwände und Entschuldigungen annimmt, das keine Verführungen und Versuchungen anerkennt, das Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der Kraft, das ganz über unser Klügeln und Mäkeln hinausgehoben ist, werden wir nie die Sünde überwinden, nie wandeln in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas Anderes sein, als ein Merken und Erwägen dieses Wortes; und redeten auch tausend Stimmen dagegen und spräche auch die ganze Welt ihr Anathema aus gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thränen Deines Herzens gegen seine Erfüllung, und gelte es auch den letzten Brosamen unseres irdischen Glückes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen Daseins: laß fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn! und darin beharre bis an’s Ende! Das Reich Gottes muß Dir doch bleiben. Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen. Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit einem Fuße noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten hinzudrängen. Wenn er eben glaubte, daß es mit ihm ruhig auf dem Wege fortwandle, welchen er fortan als den für ihn notwendigen, durch die Fügungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich zu gewöhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: „Laß Dich nicht einen jeglichen Wind führen, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie die unbeständigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemüt und bleibe bei einerlei Rede!“ Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrügen; und so förderte sich auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine wächserne zu machen, und das störrige Roß seines Gewissens in ein folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Höhe wollte ihm zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zügel, an dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Führung gewohnt war, zu leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und — vor das Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem feurigen Schwert.

IX.

Die Stunde kommt, von Gott gesendet,

Das sinnentrunkne Herz wird wach,

Und jedes dunkle Blatt, es wendet

Zurück sich an den hellen Tag.

Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglückten wurden gefunden. Godber hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines großen Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu sehen, ob derselbe sich nicht für ihre Absicht gebrauchen ließe, seiner Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines Schiffsherrn, und später fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Höhlungen des frühern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhestätte gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.

„Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Särgen,“ sagte Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die nötigen Anordnungen wegen der Beerdigung zu treffen, „nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut, und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!“

Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, nötigt den Hausvater, auch daran zu denken, daß ein Sarg vorrätig sei. Unter seinem übrigen Gerät darf auch dies memento mori nicht fehlen, so schwer und so ungern man sich auch sonst anderswo daran gewöhnen möchte, tagtäglich mit seinem Blick die enge Bretterkammer zu messen, die für einen unserer Lieben oder für uns selbst bestimmt ist. An Särgen zur notwendig schnellen Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.

Der fast unerhörte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die außerordentlichen Umstände, welche dies Ereignis herbeigeführt, die besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die ganze Feier des Tages daran zu knüpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die drei Särge vor die Kirchthüre gesetzt, da der innere Raum zu beschränkt war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des Evangeliums für jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11—19, nahm die Frage: „Wo sind aber die Neun?“ als Thema aus dem Schrifttext heraus, und die bloße Ankündigung dieses Themas mußte, so wenig auch nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschütternd wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglückten neben einander, führte die Gedanken zurück auf ihre frühere Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drängte die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wären? „Wo sind aber die Neun?“ für die Fremden war dies Wort genug zu einer unvergeßlichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen der anwesenden Fremden führen wollen, denn in der Beantwortung redete er weit weniger, als Viele seiner Zuhörer erwarten mochten, in Beziehung auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine Anwendungen und vergaß über die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und für sich reden zu hören. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen zurückgeführt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestört durch falsche Zeichnung der Umstände ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wünschen oder Gelübden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. — Nach der Predigt wurden die Särge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gängen getragen, da der Mangel an Trägern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die große Flagge des Schiffs, dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte über die Särge hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die Gruft, entglitt sie seinen zitternden Händen und von dem Fall ihrer Stange dröhnten die Särge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurück.