Doch müssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurückgehen, um Godber’s innere Kämpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung der ertrunkenen Gefährten war über sein Gemüt eine düstere Wolke gezogen, die er mit der größten Anstrengung zu verscheuchen, oder wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Züge im Antlitz seines Kapitäns, als er neben der Leiche desselben am Ufer unter den zerrissenen Grüften stand, schienen ihn zu fragen: „warum hat mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen?“ und als er den Blick verstört zurückwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hören: „warum hast Du Deine Braut verlassen, Godber?“ Da ward es ihm finster vor den Augen, da krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie Hohngelächter in die Ohren: „Du doppelt Meineidiger!“ Er eilte wie vom Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Stätte und stand, ehe er noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wäre diese ihm mit Thränen in den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er würde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut und Bitterkeit gleich erfülltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit ihrem gewöhnlichen holden Lächeln auf ihn zu, mit dem Lächeln, das so oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurückstoßend auf ihn; es widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht ein, daß sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine Trauer über das Geschick der Umgekommenen zeigen könne. Er mußte, anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurückweichen. Er mußte, während er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: „ist dies herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?“
Idalia trat stolz zurück. Sie war zu sehr an eine allvergessende Huldigung gewöhnt, als daß sie sich hätte entschließen können, ihn teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe für ihn eben so dringend, als Neugierde, sie antreiben, den völlig Verstörten, der sich, mit beiden Händen die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte, um Aufschluß über sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere Ecke, stützte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thräne, mit dem Schnupftuch trocknend, nur dann und wann einen flüchtigen und verstohlenen Blick auf Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen, als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, daß sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, daß es noch Etwas gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen könne gegen die Macht ihrer Reize; daß daher ihr Sieg noch gar nicht so vollständig sei, wie sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer Liebe, die nicht weniger abgöttische Verehrung, als ausschließliche Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den Entschluß, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte freilich nicht so klar über ihre Empfindungen und rechnete auch der Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.
Godber aber schien völlig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brütete bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kündeten einzelne Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern. Idalia wußte sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche überhört. Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und tröstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander’s emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber’s über das Geschick der schon längst verloren gegebenen Gefährten unbegreiflich, fühlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering dünkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten konnte, so hatte sie das doch wenigstens gewonnen, daß nicht mehr die Eifersucht sich in ihre Betrachtungen über sein Benehmen mischte. Sie mußte mit einem Blick in den Spiegel über sich selbst lächeln, daß sie nur einen Augenblick hatte daran denken können, daß ein Halligmädchen ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft werden; zu ihren Füßen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der Versöhnung reichen; die rechte Versöhnung sollte noch mehrere Tage weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen möge, zu vergessen, wie sein Glück allein von ihrer Liebe abhänge, und wie dieses Glück mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden müsse.
Und das nennen sie Liebe!
Für heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rückkehr machen zu wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu treffen. Hold nannte die Hausväter, die wohl passende Särge haben würden, und Godber ging zu diesen. Als er später wieder zum Pastorat zurückkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun Gelegenheit, ein Wort über Godber’s Verhältnisse zu Maria und Idalia zu reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein Schrei der Verzweiflung klang: „Ich weiß Alles, was Sie sagen wollen!“ ihn unterbrach und aus dem Hause stürzte.
Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rückkehr. Sie weinte jetzt wirklich bittere Thränen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekränkten Liebe darin sah, auch ihre Gefühle zu der Höhe der wahrhaften Liebe steigerten.
Am andern Morgen fehlte Godber beim Frühstück, und es wußte Niemand im Hause, ob er überhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn zuerst wieder, wie er bleich und verstört mit der Trauerfahne an der Werfte vor den Särgen her vorüberschwankte.
Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrücklich jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitän und ihren Gefährten davon zurückweisen ließen. Er wollte allein sein, allein mit den glücklichen Toten und seinem unglücklichen Herzen. Sein Schmerz löste sich in dieser Stille zu Thränen der Wehmut auf. Seine ganze glückliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelübde, das er ihr gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Träume von einer schönen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten unter dem geräuschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nächte am Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Grüße aus der Heimat um den Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an ihm vorüber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und Idalia’s Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese Bande zurückzuführen. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verließ er die Totenkammer, trat leise hinaus in’s Freie; und siehe! die Sterne blickten so freundlich lächelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwärts, übersprang mehrere Gräben, um nicht durch den Umweg über die Stege aufgehalten zu werden. Da blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese späte Stunde. Er meinte, es müsse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg zurück zu seinem Gelübde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes Geräusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer erlaubte ihm, über die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da saß Maria am Bette ihrer Mutter, die Hände gefaltet in den Schoß gelegt und mit den halbgeschlossenen Augen, wie träumend, nach Oben blickend. Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurückpressend in der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend, die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick hätte vergleichen können, als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia’s irdisches Schattenbild vorgekommen wäre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom Schlummer überwältigt ein, und Godber’s Herz klopfte dann hörbar vor Angst, daß sie fallen möchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug, wartete er immer darauf, daß sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit dem Ausruf: „Godber, Godber, bist Du wieder da!“ zu ihm hineilen sollte. War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur schwer geträumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; für Godber waren es Minuten. Der Morgen begann schon zu dämmern; für Godber war es noch Mitternacht. Die Kühle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht, fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingeführt. „Ach!“ dachte er, „gewiß ist die Mutter krank, und du, du allein trägst die Schuld! Du bringst die Mutter in’s Grab, und die Tochter“ — er konnte nicht vollenden — wird ihr nachfolgen! Hinein mußte er, zu ihren Füßen die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thürklinke. Da krähte der Hahn im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie ein ertappter Verbrecher. „Petrus der Verräther!“ murmelte er dumpf in sich hinein, zog die Hand rasch von der Thür hinweg und blickte wild um sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch die erste Röte des Tages. Godber’s hochatmende Brust sog die kalte, schwere Luft mit vollen und raschen Zügen ein. Er fühlte auf einmal alle Bande wieder, in die er sich verwirrt, und stürzte fort. Atemlos kam er in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein rascher Fußtritt stieß an einen der Särge an, dumpf dröhnten die trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu Boden.
Nach dieser Nacht mußte für Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll werden. Die völlige Erschöpfung seiner Körperkräfte trug dazu bei, seiner Phantasie volle Herrschaft über ihn zu geben. Er sah und hörte in Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja Maria für seine glückliche Rückkunft gebetet; hierher gedachte sie den ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wußte ja von seinem Gelübde; alle Blicke kündeten die tiefste Verachtung; alle diese heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann über ihn; alle Tritte lenkten von seiner Nähe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches drängten sich von seinem Blick hinweg und die Töne flohen seinen vergifteten Odem. Bei der Frage Hold’s: „Wo sind aber die Neun?“ grüßten ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: „Die Neun sind wieder beisammen!“ Daß diese Worte der Predigt angehörten, konnte ihm nicht in den Sinn kommen; er sah und hörte nur die Toten, die sich immer näher an ihn herandrängten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine rieselte, während heiße Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er nach dem Schluß der Kirchenfeier in den Leichenzug als Träger der Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer großen, schweren Woge, die vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest um den Stock, daß ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz fühlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto gewisser ward es ihm, daß er, in die Flut geschleudert, die letzte Planke des zertrümmerten Schiffes gefaßt habe. Dreimal hatte er, von den ängstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen müssen, und trat nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen vergebens an, den Abgrund zu seinen Füßen abzusehen. Immer tiefer dehnte sich vor ihm die unergründliche Gruft. Er wäre, wie er sich immer weiter vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestürzt, wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurückgehalten hätten. Da hörte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitäns Weigerung, das ihm anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: „Es ist ein Segen bei der Treue, wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit!“ Dieses Wort schmetterte seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit gebrochenem Herzen: „Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und Ewigkeit!“ Jetzt schon wäre er hingesunken, wenn er sich nicht mit schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den Boden gesteckt war. Hold mußte ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu senken. Er faßte sie krampfhaft an und schwankte wieder vornüber auf das Grab zu. Da standen die drei Särge; aber wie vorher die Tiefe unergründlich schien, so rückten nun die schwarzen Särge dicht vor seine Augen hin. Die Deckel öffneten sich, die Toten rüttelten sich zornig drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurück, und die Flagge fiel aus seinen ohnmächtigen Händen auf die Särge hin.