Es reift in stiller Hütte
In einfach frommer Sitte
Das wunderreiche Herz,
Dem Segen jede Wunde,
Dem Licht die trübste Stunde,
Dem Tau der größte Schmerz.
Maria’s Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres gottergebenen Herzens. Sie erfüllte die häuslichen Pflichten, die ihr oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie früher. Wer sie nicht, belebt von der Hoffnung einer schönen Zukunft, gekannt hatte, konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille, ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu überwinden sich im täglichen Gebet übte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer Erwählung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget für die gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann, erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, daß diese Krankheit ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, daß all’ ihr Sinnen und Denken gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche Hülfe bot die Hallig nicht dar; und auswärts sie zu suchen, überstieg die Vermögenskräfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt hätte, da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in Krankheitsfällen genug dünken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male, und wenn diese zuweilen auf Godber’s Untreue zu sprechen kam, fiel ihr Maria schnell in die Rede und sagte: „Laß das, Mutter. Ich kann Dich ja nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dächte.“ Sprach sie mit Hold allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als hätte er nur einen Friedensgruß aus der Höhe von den Lippen des Seelsorgers locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer Ergebung über.
Lächeln aber mußte Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn zurückzubringen. Er erfuhr nun, daß Oswald, vielleicht nur um eine, seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einförmigkeit des Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des Mädchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern Tag der Tochter die Bücher gebracht habe.
„Sie aber,“ meinte diese, „könne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus seinen Büchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen geredet, und die wol die Schuld trage, daß er seine Verlobte nun verachte;“ und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die Erinnerung fesseln soll, fügte sie mit dem scharfen Spott eines tiefverwundeten Herzens hinzu:
„Da reden sie von Vergiß mein nicht, als ob man so Etwas abpflücken könne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, daß sie so leicht vergessen!“