„O, diese feinen Herren,“ dachte Hold beim Heimwege, „die die Fühlfäden ihrer Lüsternheit nach jedem hübschen Gesicht ausstrecken und es nicht merken, wenn sie die Einfalt der Unschuld vor sich haben, an der all’ ihre Gifttropfen, wie an einem Krystall, abfallen, ohne eine Spur zu lassen. Nein, mein kluger Oswald, mit Deinen Romanen wolltest Du wol erst geschickt den Boden bereiten für deine Liebschaft. Aber hier ist kein Boden, auf dem solche Schlingflanzen Wurzel fassen können. Hier ist Gottes Erdreich und nicht das faule Beet verborgen gehaltener Begierden. Ehe Maria Dich und Dein Gift versteht und dadurch ihm die Kraft zu schaden giebt, müßtest Du sie gar lange in Deine Schule nehmen. Und dann noch das Vergißmeinnicht, welches in ihrem Herzen als eine Blume aus dem Garten Gottes blüht, das pflückst Du nicht so leicht ab, das schützen Gottes Engel vor jedem versteckten oder offenen Angriff.“
Um Mander zu schonen, wartete Hold eine Gelegenheit ab, die Bücher an Oswald ohne Zeugen abzugeben, und sagte ihm dabei:
„Glauben Sie ja nicht, daß ich diese Schriften dem Mädchen abgenommen. Sie gab mir sie ganz freiwillig, weil sie dergleichen nicht verstehen könne.“
„Ich glaubte,“ stotterte Oswald verlegen, „daß dem äußerlich so wol gebildeten Mädchen eine größere innere Bildung keinen Nachteil bringen würde.“
„Und Sie dachten,“ entgegnete Hold strenge, „eben erst wegen dieser Wolgestalt ihres Aeußern an eine innere Bildung? warum denn, wenn Sie ihre sogenannte Bildung so hoch schätzen, gingen Sie ohne Teilnahme an den gleich ungebildeten, aber weniger mit körperlichen Reizen Geschmückten vorüber?“
„Es ist natürlich, daß die auch bloß äußere Schönheit ein regeres Interesse weckt.“
„Ja wol, natürlich,“ erwiderte Hold, „wenn wir gewohnt sind, uns vom Sinnenreiz in unserm Interesse bestimmen zu lassen.“
„Sie nehmen die Sache zu ernst,“ lachte Oswald, der sich von seiner augenblicklichen Verwirrung erholt. „Als Hirte müssen Sie freilich darauf achten, daß kein Schaf Ihrer Heerde zu Schaden kommt.“
„Also auf einen Schaden war es doch abgesehen?“ fragte Hold mit scharfer Betonung, und als Oswald, wol fühlend, wie er sich in seinem eignen Ausdruck gefangen habe, erst nach einer Pause antwortete:
„Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich dem Mädchen, das, wie ich nicht leugnen will, mir gleich beim ersten Anblick sehr gefiel, eine reichere Bildung des Geistes und des Herzens wünschte, und darum ihr die Bücher gab,“ fuhr er fort: