„Um Maria’s Willen würde ich kein Wörtchen in dieser Sache verloren haben. Sie hat jene Unschuld, die da Gift trinken mag, und es wird ihr nicht schaden, die auf Schlangen treten mag, und ihr Fuß wird nicht verwundet werden; denn sie ist einfältiglich frommen Sinnes. Für ihren Verstand ist die Sünde zu hoch und ihr Herz zu hoch für die Sünde. Aber um Ihretwillen, junger Mann, möchte ich noch ein Wort sagen. Vergleichen Sie sich einmal in Ihrem Gewissen mit dieser Maria. Sie wissen Vielerlei und Maria gar Wenig. Sie kennen die Geschichte der Völker, ihre Sprachen, ihre Sitten; Maria’s Kunde von diesem Allen ist fast nur auf den Umfang dieses Eilandes beschränkt. Sie haben Mancherlei gesehen und erfahren, und wissen von hunderttausend Dingen zu reden, von denen Maria nicht einmal die Namen kennt. Sie gelten durch die Feinheit Ihres Benehmens, durch gefälligen Anstand und kluge Benutzung aller Vorteile der Erziehung für einen gebildeten Mann; Maria geht schlicht und recht dahin und redet, wie es ihr um’s Herz ist, ohne Zier und Schminke. Sie suchen dabei die Erholung von Geschäften in allerlei Vergnügungen, welche die Sinne reizen und die Gelüste des sterblichen Leibes befriedigen; Maria betet und arbeitet einen Tag wie den andern und sorgt mit aufopfernder Liebe für die Pflege ihrer kranken Mutter. Sie nehmen Freuden und Leiden als Spiele des Zufalls; Maria dankt ihrem Gott und vertraut ihrem Vater im Himmel. Sie stehen hoch über ihr, so hoch, wie die Erde mit ihren Gaben und Genüssen nur erheben kann, und —“ er faßte Oswald’s Hand und schloß mit erhobener Stimme: „ich sage Ihnen, wenn Sie an einen Gott glauben, in dem Namen dieses wahrhaftigen Gottes: Maria steht hoch über Ihnen, denn ihr Wandel ist im Himmel!“
Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham und erwiderte mit einer Stimme, in der Trotz und Verlegenheit sich mischten:
„Ein wenig Bildung mehr würde der frommen Jungfrau keinen Schaden thun.“
„Maria’s Bildung,“ entgegnete Hold, „ist für ihren Stand und Beruf hinlänglich; und was ihr sonst zu wissen nützlich wäre, lernt sie wahrlich nicht aus diesen Büchern. Ja, — verzeihen Sie, wenn auch ich, als ein Landsmann Maria’s, schlicht und recht rede, wie mir’s um’s Herz ist, — was Sie von ihr lernen können, ist bei weitem mehr und wichtiger, als das, was Sie ihr aus allem Ihren Wissen und aus allen Ihren Büchern an Belehrung zu geben vermögen. Gesetzt auch, sie könnte die Bildung annehmen, die Sie ihr darreichen wollen, was hätte sie damit gewonnen? Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Sehnsucht nach einem ihr unerreichbaren Leben, und was noch schlimmer ist, Erregung von Leidenschaften, die jetzt ihr Herz unzugänglich finden. Verloren aber hätte sie, unwiederbringlich verloren: die Geduld und die Stille eines in Gott ergebenen Gemütes, den Frieden einer den irdischen Schmerz überwindenden Seele; verloren die Ruhe eines unbefleckten Gewissens und die sichere Freudigkeit eines kindlich frommen Glaubens.“
„Wie mögen Sie diesen unschuldigen Romanen einen so schädlichen Einfluß zuschreiben? sie sind ja nur zu einer augenblicklichen Unterhaltung bestimmt und bilden dabei unmerklich den Verstand.“
„Wir nehmen,“ war Hold’s Entgegnung, „solche Bücher für das, was sie sind, für Erzeugnisse der Einbildungskraft und sind zu bekannt mit dem Leben, das sie schildern, um mehr darin zu finden, als uns selbst, nur in andern Kleidern. Für Maria aber würden sie eine Welt eröffnen, wenn sie dieselbe verstehen könnte; eine Welt, die ebenso heiße Begierden entflammen und darum ihr ebenso schädlich werden würde, wie Amerika bei der ersten Entdeckung es den Spaniern ward. — Doch ich vergesse, daß Ihr Versuch für die Bildung Maria’s nur eine versuchte Vorbildung für ein ähnliches Spiel war, wie Ihre Schwester es mit Godber treibt.“
Oswald ließ sich nicht darauf ein, diesen erneuten Vorwurf noch einmal abzulehnen. Er ergriff vielmehr mit einer Hast, die seine Freude kund gab, auf einen andern Gegenstand das Gespräch gewandt zu sehen, die Gelegenheit, Idalia als Streitpunkt vorzuschieben.
„Was kann sie denn dafür, wenn ihre Reize so hinreißend wirken? sie hat schon ganz andere Männer zu ihren Füßen gesehen, als diesen Godber.“
„Was kann ich dafür!“ antwortete Hold mit Spott. „Dies Wort kommt mir vor, wie ein verlorener Posten, der auf’s Geradewol dem anrückenden Feinde entgegengeworfen wird, weil es an einer ordentlichen Wehr zur Verteidigung fehlt. Aber es würde unnütz sein, mit Ihnen hierüber zu reden, da Sie gerade ja schon in die Fußstapfen Ihrer Schwester getreten wären, wenn nicht ein gebrochenes Herz, besonders wenn Gottes heilige Engel sich darin gelagert haben, so schwer zu erobern stände, wie ein Herz, wo Eitelkeit und Sinnlichkeit die Wache halten, dagegen leicht.“ — Als Oswald vor Unwillen erglühend jetzt nach seinem Hute griff, fügte der Pastor hinzu:
„Noch Eins, Herr Mander! Sie werden mich immer bereit finden zu all’ der Freundlichkeit, die wir den Gästen unserer Hallig schuldig sind. Sie werden mich verbinden, wenn Sie durch Ihre Unterhaltung dazu beitragen wollen, für diese Wochen mir den Genuß einer heitern Geselligkeit zu verschaffen. Es wird mir wol thun, mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater einmal wieder über Dinge reden zu können, die früher das Gespräch mancher schönen Stunde mit meinen Freunden waren. Sie werden es mir aber erlauben müssen, daß ich mich auf meine Weise um Ihre Achtung bewerbe, und daher Ihnen bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger zeige. Versäumte ich dies, ließe ich Sie bei mir das Amt vergessen, das mir von Gott vertraut ist, dann würde ich ja die Achtung eines vernünftigen Mannes verscherzen. Gehen Sie daher Ihren Weg, wie Sie wollen. Lassen Sie mich auf dem Wege, den Beruf und Gewissen mir vorschreiben; und dabei wollen wir uns die kurzen Stunden unserer Gemeinschaft gegenseitig zu erheitern suchen, und ich hoffe, wir werden dann als Männer von einander scheiden, die sich gerne gesehen haben.“