Oswald war etwas verdutzt über diese Wendung und entfernte sich mit einigen wenig sagenden, aber doch freundlich sein sollenden Worten.

XI.

Aus der Furche Nacht und Tau

Hebt die Lerche kühn die Schwingen,

Von der lichten Morgenau

Her den jungen Tag zu bringen.

So aus schweren Erdenleid der Glaube,

Daß dem Himmel er den Himmel raube.

Für Godber waren jene Phantasien, die ihn zuletzt ohnmächtig am Grabe niederwarfen, der Anfang des in jenen Gegenden gewöhnlichen Fiebers, das zwei Tage den Kranken mit Heftigkeit ergreifend, ihm den dritten Tag Ruhe gönnt, sich auf den nächsten Fiebertag zu bereiten. Idalia zeigte jetzt die ganze Heftigkeit ihres Charakters. Sie warf sich an Godber’s Lager nieder. Sie bedeckte seine kalten Lippen mit ihren glühenden Küssen. Sie rief Himmel und Erde zu Zeugen an, daß sie ohne ihn nicht leben könne, und machte sich die lautesten Vorwürfe über ihr teilnahmloses Betragen gegen ihn. Mander sah mit Erstaunen, welche Gewalt die Liebe über seine Tochter ausübte. Ihm war wol ihre Neigung für den Retter ihres Lebens nicht verborgen geblieben; doch meinte er, wenn erst die Zeit die Dankbarkeit schwäche, werde auch die Entfernung die flüchtige Aufregung eines aus ihr hervorgegangenen Gefühls vergessen machen. Er hatte den Jüngling, der ihm wert sein mußte, bedauert, wenn er wahrnahm, wie dieser von Idalia’s Reizen gefesselt wurde. Aber gewohnt, seinen Kindern mehr teilnehmender Begleiter auf ihrer Lebensbahn, als ein väterlicher Erzieher zu sein, hatte er sich gescheut, die in dieser augenblicklichen Zuneigung so Glücklichen durch klare Aufdeckung des wahren Verhältnisses zu stören. Jetzt freute er sich über die Zurückhaltung; denn war Idalia’s Liebe so tief und innig, wie sie sich nun ihm zeigte, so wollte er ihrer Wahl kein Hindernis entgegenstellen. Fehlte es ihm doch nicht an Mitteln, Godber zum Herrn eines schönen Schiffes zu machen, und durfte er doch hoffen, bei der erprobten Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit des jungen Mannes, wie bei dem guten Herzen und festen Charakter desselben, in ihm einen würdigen Schwiegersohn zu sehen, in dessen Hand Idalia’s Glück fest begründet sein würde. Bei dieser Betrachtung bedurfte es nicht erst der flehenden Bitten seiner Tochter, ihn anzutreiben, für ärztliche Hilfe zu sorgen. Oswald fuhr deshalb nach Husum hinüber und kam am folgenden Tag mit dem Arzte zurück, den Idalia in der ängstlichsten Spannung erwartet hatte. Dieser konnte, unbekannt mit dem Seelenzustande des Jünglings, nur ein gewöhnliches Fieber in dessen Krankheit sehen und sagte, daß jetzt allein Diät und Pflege, nach einigen Tagen erst Medicamente nützlich werden könnten.

Idalia mußte sich mit diesem Ausspruche zufrieden geben, so schwer es ihr wurde. Sie hatte fast die ganze erste Nacht an Godber’s Bette gewacht und konnte nur mit Mühe bewogen werden, selbst Ruhe zu suchen, als endlich der Kranke nach den heftigsten Phantasien, in welchen sich die Gefühle, die seine Brust bewegten, in den wunderlichsten Bildern durch einander wirrten, eingeschlummert war. Godber’s Jugendkraft schien die Krankheit durch einen langen Schlaf überwinden zu wollen. Als er erwachte, war der Frost des wiederkehrenden Fiebers schon vorüber und die Hitze begann aufzusteigen, die alten Phantasien mit sich führend. Idalia saß bereits wieder an seinem Lager. Er blickte starr auf sie hin, ohne eine Antwort auf ihre Frage nach seinem Befinden. Es schien, als strenge er sich an, seine Gedanken zu ordnen, und als wäre die vor ihm sitzende Jungfrau eine ganz fremde Gestalt, die er nicht in den Kreis seiner Vorstellungen hinein zu bringen vermöchte. Plötzlich zuckte er zusammen; seine Züge verzerrten sich, wie getroffen von dem Anblick einer gräßlichen Todesgefahr, und mit dem Ausruf: „dreifach Meineidiger!“ barg er sich stöhnend in die Kissen.