Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben,

Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurück!

Es möchte vielen Menschen, denen das stille Kämmerlein im Hause fehlt, und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie Gelegenheit hätten, auf längere oder kürzere Zeit einmal ganz aus dem Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thätigkeit herauszutreten, und sie in einem mußereichen Stillleben sich allein auf sich selbst zurückgewiesen sähen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des täglichen Verkehrs übertäubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es früher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft mangelte, wie zugleich auch in mancher glänzenden Frucht der Wurm offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden, mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir gar leicht Sinn und Kraft für ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die Genüsse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehören, und des Verhältnisses, in welchem wir zu Andern stehen, üben eine unmerkliche Herrschaft über unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel Hemmketten für eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der Schöpfung und im Reiche Gottes.

Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid ausgezogen, das er beständig getragen, und wollte er es nun auch wieder fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem vollen, freien, übersichtlichen Blick über Göttliches und Menschliches, Bleibendes und Vergängliches befähige, obwohl er sich gestehen mußte, daß er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den Flügelschlägen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und daß zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung ausgeht, und der Verklärung durch dasselbe und in demselben eine weite Kluft befestigt sei. Jetzt drängte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es der Philosophie überhaupt möglich sei, den Staub der niedern Welt, über welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschütteln? ob nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine Lebensverhältnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtümer seiner Vorgänger einen nie völlig zu beseitigenden Einfluß üben mußten? Die Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die vermeintlich höchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer höheren gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer ewig sich häutenden Schlange. So glänzend auch die neue Haut anfangs erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als dunkle abgestreifte Hülle einer andern zur bloßen Folie zur dienen.

Diese Betrachtungen führten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwärtig war, er jenen allmälig einen offenen Blick in sein in religiöser Hinsicht unbefriedigtes Herz thun ließ.

„Wie oft,“ sagte Mander, „habe ich mich auf ein neu angekündigtes System der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn ich durch die schwere Sprache mich zum Verständnis durchgearbeitet, fand ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rätsel ohne Auflösung; wohl tiefe Blicke ins Herz, aber keine Nahrung für das Herz; wohl geistreiche Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir vor wie Schatzgräber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, während neckische Geister ihn immer tiefer vor ihnen versenken.“

„Lassen Sie uns,“ erwiderte Hold, „bei einem scheinbaren Nebenumstande stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt, macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem Gehorsam seines geistigen Anschauens und muß ihm Rede stehen, sobald er es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der biblischen Schöpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorführt und ihn sie nennen läßt. Damit war diesem eine feste Herrschaft über sie gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, ihre Nützlichkeit oder Schädlichkeit mit einem Blicke übersehen konnte. So sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mächtig geworden, wenn wir für sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich für unser Ohr. Um nun Gottes mächtig zu werden, wie die Philosophie es will, welche die göttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens herunterzieht, müßten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mächtig wäre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle, geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns sattsam Kunde, daß sie uns fehle, so dürfen wir auch von dieser Philosophie keine Aufschlüsse über die göttlichen Dinge erwarten.“ — „Und dürfen gar keine erwarten!“ seufzte Mander; „denn jeder Aufschluß muß uns doch durch eine Sprache zukommen?“

„Mit keiner Menschensprache,“ entgegnete Hold, „wohl aber mit der Gottessprache, mit dem Glauben.“

Mander schüttelte schweigend den Kopf.

„Halten Sie es für so wunderbar,“ fuhr Hold fort, „daß Gott, der Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu unserer Vorstellung kommen? Diese können wir besprechen, dies Wort zugleich im Sinne des Schlangenbeschwörers genommen, wir können sie ergreifen, umfassen, uns ihrer bemächtigen mit dem Vermögen des Geistes, das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies Vermögen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt wird, auch darum hinreichen, Gott eine Stätte in unserm Staube zu bereiten, daß wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der Meßrute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Dürfen wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, daß wenn Er von uns erkannt sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde allein verstehen, und wir heben dies Verständnis zwischen Beiden auf, und verlernen, uns selbst und Andern verständlich zu reden, wenn wir in der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben.“