„Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen Eigenschaften, Seinem Walten?“

„Wie ich vom Geiste rede,“ sagte Hold; „nur immer in Rücksicht auf körperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in Rücksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen, ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner Zuhörer einführen zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn Schöpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen Zeugnissen, in der Natur, in den Fügungen des Erdengeschicks, im Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst dieser Weg sein; ja wäre nicht Gott schon vor ihr die Straße gewandelt, dann würde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges führen. Darin, meine ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was unten ist.“

„Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen?“ entgegnete Mander. „Muß nicht die Philosophie das Heer der Irrtümer bekämpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrängt? Muß sie nicht fortwährend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich einem drängenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu überfluten droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Männer beseelt?“

„Lassen Sie mich,“ war Hold’s Erwiderung, „auf das Letzte zuerst antworten. War in der Rede der Propheten: „Der Herr spricht!“ war in dem Worte Jesu Christi: „Meine Rede ist nicht mein, sondern Deß, der mich gesandt hat!“ Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dämon, oder ist in Platon’s Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben? Liegt darin nicht die Weisung für unsere Philosophen, daß Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mögen von seiner Person denken, was Sie wollen, der mächtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist, mächtiger, kräftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in Hörsälen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache der Hörsäle geredet. Er hat ja immer bezeugt, daß Er nicht aus sich selber rede, sondern nur verkünde, was Gott ihm gegeben zu verkünden. Was aber die Irrtümer betrifft, welche die Philosophie bekämpft, so müssen Sie gestehen, daß sie, wie die sich einander bekämpfenden Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtümer selbst die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtümer hervorruft, die noch schädlicher sein würden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift fände. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, daß die Philosophie Ihnen den Frieden zu geben nicht fähig sei und also für Sie ihren Zweck verfehle.“

„Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt,“ sagte Mander. „Ich kann nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus diesem eklen Sinnengenuß, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben und muß immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht mich auf falsche Wege führt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich flieht.“

„Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weißt und nicht weißt!“ rief Hold eifrig. „Hinweg mit dem alten Gewande all’ Deines Forschens und Grübelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor mit freiem Geist aus den Abgründen, in die Du Dich versenkst, und schäme Dich des Flehens und der Thränen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es erfahren, daß die Sterne Augen und Thränen haben für solch ein suchendes, sehnendes Menschenherz, daß noch immerdar Tau vom Hermon fällt auf die Berge Zions! — Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas über die Blume setzen und meinen, daß ihre Ausdünstung sich wieder zum erquickenden Tau für sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen.“

Mander fühlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in seinem Auge zitterte eine Thräne, und die Rührung der Pastorin, die ihrem Gatten die Hand drückte und sich nach einem Blick der vollsten Liebe an dessen Brust neigte, erhöhte noch seine Gefühle. Er konnte nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den beiden Männern vermittelnd, sagte:

„Es möchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die Selbstthätigkeit des Geistes in die Empfänglichkeit des Herzens aufgehen zu lassen,“ erwiderte er:

„Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd geworden, in denen alle Zweifel und Fragen überwältigt wurden vom religiösen Gefühl, und ich habe nie aufgehört, sie als Feierstunden meines Lebens zu lieben und zurück zu wünschen. Doch, daß sie eben nur Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein, nicht die Morgenröte einer schönen Zukunft waren, das ist es, was mich betrübt, ja, mich mißtrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese dunkeln, unbestimmten Gefühle, die wir nicht leiten und ordnen können, die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreißen, uns unmöglich ein auch für ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewußtsein geben können.“

Hold’s Antwort hierauf war: