„Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt, Gefühl? Ich würde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen über Ihren schwachen Glauben Ihnen hält. Das Wort Gefühl läßt uns schon von vornherein an Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverläßlichkeit denken; wir deuten es als etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube offenbar wird. Nehmen Sie jene religiöse Erregung, jene andächtige Feier in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als spürten auch sie die Geisternähe mit empfänglichem Sinn, wenn die Thräne in’s Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer Fülle überströmt wird, in der sie sich so reich und so selig fühlt, wenn der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem endlichen Geiste anders ankündigen, als durch ein solches Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwältigung der Staubeshülle verbunden sein muß und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religiöses Gefühl, nimmt solchem Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert für uns und den Einfluß auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung.“
„Könnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Täuschung sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herübergenommenen, vielleicht falschen Vorstellungen von Gott.“
„Ist es Menschenwerk,“ antwortete Hold, „unser Selbstwerk, das uns treibt in solchen Stunden, woher denn die über alle unsere sonstigen Sinne und Gefühle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches können wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe überspringen, nicht das Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob der alte Mensch nicht zurücksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder über ihn kam, und er sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues schaffen, als der alleinige Schöpfer?“
„Dieses Alles zugegeben,“ sagte Mander: „so ist damit noch keine Frage beantwortet. Auch bei mangelhaften religiösen Vorstellungen mögen solche Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch für das Wissen von Gott Nichts gewonnen ist.“
„Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit für Augenblicke gewonnen, und die Gewißheit, daß Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoßes sind. Es ist das Vertrauen gewonnen, daß Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Fülle geben wird, was demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfänglichkeit für Seinen heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte Frucht mit in’s Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein, was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trügliche Ergebnis unserer Forschungen.“
„Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe?“ bemerkte Mander. „Und wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so leiten wir damit ja all’ unser Wissen in den göttlichen Dingen, wenn auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle mit den Offenbarungsgläubigen ab.“
„Dem Licht des Tages,“ entgegnete Hold, „dankt unser Auge das Vermögen zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet zurück. Es war vorzüglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung Gottes an die Menschen außerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen. Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde. Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete Vernunft über ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen meinten, eine göttliche Autorität erlügen zu müssen, um Leiter des blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es kommt daher, weil man eben wußte, eine göttliche Offenbarung empfangen zu haben. — Doch warum reden wir denn über diese Dinge? Ist es nicht, weil Sie die Höhen und Tiefen, die Länge, Weite und Breite des Gebiets der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist Wahrheit?“
„Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die Vernunftreligion?“
„Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, daß es eben noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung suchen über diese zufällig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt, ängstlich in Zügel halten, als wäre sie ein scheues Roß, das mit seinem Vorwärtsrennen den Reiter in einen Abgrund stürzen könnte. Wie oft hört man das Wort: ‚Darüber muß man nicht weiter nachdenken, sonst könnte man den Verstand verlieren.‘ O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, über das Licht, das mein Leben auf Erden verklären soll zu einem Wandel der Kinder Gottes, über den Pfad, der mir die Brücke bauen soll über der Zeit Vergänglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen Leben: darüber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen Dingen klar zu schauen mich fürchten? vor tieferem Aufschluß mich ängstlich zurückziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da sollte ich mir das Schicksal der Mücken zur Warnung dienen lassen, die ihre Flügel an den Flammen versengen?“
„Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter forschten?“ meinte Mander. „Wenn sie es auch nicht selbst empfunden haben in der Leidenschaft für ihre glänzenden Systeme, so spricht es sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprüchen, die darin offenbar werden, in dem geringen Einfluß ihrer Weisheit, die kaum in wenigen Jüngern fortlebt und sich in denen schon anders gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol gerüstete Minerva, hervorging.“