„Was bedürfen wir weiter Zeugnis?“ erwiderte Hold. „Sind wir nicht zu der Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung gekommen?“
Vielleicht hätte das Gespräch noch bis tief in die Nacht hinein gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wäre, um seinen Vater abzuholen, da es schon sehr spät geworden war. Die Pastorin gestand, daß sie sich freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen, da sie nicht lassen könne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche Untersuchungen erkältend auf ihr Herz wirkten.
Oswald sagte lachend: „Gewiß läßt mein Vater sich noch von Ihnen bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge, müßte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war.“
Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und hätte ihm mit hartem Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort genommen:
„Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten Unterredung hat erfahren müssen. Uebrigens möchte ich,“ fuhr er, zu dem über diese Anspielung lächelnden, aber doch errötenden Oswald gewendet, fort, „daß Ihr Haar recht bald so grau würde, wie Sie es haben wollen, um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem, den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem Volke, sondern allem Volke.“
„Verzeihen Sie, Herr Pastor,“ erwiderte Oswald, „wenn ich mich zu hart ausdrückte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernünftige Menschen keinen Anstoß an solchen Erzählungen im sogenannten Worte Gottes finden.“
Hold antwortete: „Halten Sie den Spruch: ‚Du sollst lieben den Herrn, Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte;‘ oder den andern: ‚Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob: dem denket nach,‘ für gute und reine Lehre?“
„Ja, gewiß.“
„Nun, dann thun Sie, was diese Sprüche sagen. — Wie würden Sie einen Menschen nennen, der an einer mit köstlichen Speisen reichbesetzten Tafel deswegen vorüberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er keinen Geschmack finden kann?“
„Ich werde mich wol hüten,“ lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren zu heißen; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen Wortes in’s Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, daß Ihre verfängliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist.“