„Heute muß er kommen,“ sprach sie zu ihrer Mutter, „mir ahnet so etwas.“

Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre Schwestern alle auf jenen Eilanden, wußte nichts von einer Liebe, die untreu macht den nächsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.

„Heute möchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen,“ meinte die Mutter, „denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hörst du nicht, wie die Möven schreien?“

„Mutter,“ rief Maria, „das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so fleißig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, fröhliches Herz gegeben, daß ich weiß, Er thut es nicht.“

„Was thut er nicht?“ fragte die Mutter.

„Er läßt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er läßt nur die Winde los, daß sie die Segel straffer füllen und ihn recht schnell heimtragen zu mir — zu uns.“

„Er mache es nach seinem Wohlgefallen,“ sagte andächtig jene. „Was Gott thut, das ist wohlgethan! — Komm, der Spitz ist schon vom Fenster gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. Laß uns die Schafe eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.“

Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es durch seine Beobachtung der gewöhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur seinen reizbaren Nerven merkliche Veränderung der Luft, die Witterung von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprüngen vor ihnen voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Stößen die ersten Boten des Sturmes über die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken langsam wieder herab, als seien sie zu träge, um sich zum Kampf zu erheben. In Südwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewölke hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe eine Viertelstunde lang weder in der Höhe, noch in der Breite wuchs, sondern gleichsam nur als Vorwacht über die See hinlugte. Plötzlich rauschte ein neuer stärkerer Luftstrom daher, der aber mit noch unsicherem Fuß über das Meer wandelte, so daß nur hier und da eine einzelne Welle vor ihm aufschäumte; und Alles ward wieder still. Nun aber, wie gehoben von einer nachdrängenden Macht, tauchten schwarze Wolkenmassen empor und verhüllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller und heftiger folgten die Windstöße einander, immer unruhiger schüttelten die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das düstere, schwere Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer weiter und weiter über den noch lichten Himmel streiften, und deren mächtige Schatten über den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf ihm gebahnten Straßen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Höhe herab, daß sie, vor Grimm schäumend, gleich stürzenden Gebirgen niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch höher sich zu erheben; und immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit dumpfem Rauschen.

Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das bereits über das Land hinausgetreten war und die einzelnen Hütten durch seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug höher auf, einen weißen Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren. „Ein Schiff, Mutter!“ rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie aber anfangs mit ihren vom Alter geschwächten Augen nichts entdecken konnte. Aber näher und näher kam es; erst wie ein weißer Fittig, der einer verspäteten Möve anzugehören schien, die bald einen Ausweg durch das dunkle, drückende Gewölbe über ihr zu suchen bemüht war, bald in die verschlingenden Wellen untertauchte. Allmählig entfalteten sich die Formen von Segeltüchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich konnte man den ganzen schönen Bau beobachten, wie er jetzt, völlig auf eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den flüchtigen Kuß den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der leichte Kiel mit seinen glatten Wänden und seinen schlanken Masten, mit seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und seiner vom Meeresgruß dunkler gefärbten Segelfülle aus dem Ocean hervor und wiederholte stets auf’s Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers verfolgend.

„Sie haben einen guten Steuermann,“ sagte die Mutter; und: „Godber!“ tönte es leise von Maria’s Lippen nach.