„Fragen Sie die Schrift, die von Christo zeuget. Lassen Sie vor Allem erst Ihr Nachdenken weilen beim Gesetze. Prüfen Sie all’ Ihr Wesen und Thun mit unerbittlicher Strenge an den Geboten Gottes und an dem Vorbilde des Herrn. Machen Sie keine Sünde zur Schwachheit, keine Unlauterkeit zur Natur des Staubes, keine Versuchung zu einer unüberwindlichen Macht, keine Vergleichung mit Andern zur Entschuldigung für sich. Malen Sie sich keine Liebe Gottes aus, die nachsichtig, begütigend, vergeßlich ist, wie die kränkelnde Liebe der Menschen, sondern eine Liebe die mit der strengsten Gerechtigkeit Hand in Hand gehet; auf daß der Wetterstrahl des Gerichtes Sie durchleuchte und durchflamme, auf daß Sie hingeschmettert werden in den Staub und Ihre vermeinte Tugend und Ehrbarkeit, wie Splitter und Spreu, von Ihnen fliege; auf daß Sie zittern und zagen lernen vor Dem, der Rechenschaft fordert auch von jeglichem unnützen Worte, das aus unserm Mund gegangen ist; und Ihre Seele, so wenig sie auch noch jetzt glauben mag, daß es dahin mit ihr kommen könne, zu kommen brauche, in Reu und Leid zage unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes. Nur durch Traurigkeit zur Freude! Nur durch’s Gericht zur Gnade! Nur durch Zwietracht zum Frieden! Nur durch Tod zum Leben! Nur die Niedrigen werden erhöht und die Demütigen angenommen! So lange wir uns vor Gott noch dünken, Etwas zu sein, sind wir Nichts. Hineinpredigen aber läßt sich solche schmerzensreiche Buße nicht. Die muß von Oben kommen, als Liebesgabe und göttliche Gnade. Nur raten kann mein Wort dazu; nur an dem Bollwerk rütteln, das hindert; nur leise rütteln an des Herzens Thoren, daß ihre Angeln leichter sich umwenden, wenn der Herr kommt zum Gericht! Gehen Sie in eine einsame Stunde und treten Sie Ihren Dornenpfad an.“
„Sind Sie auf demselben Dornenpfade zur Glaubensfreudigkeit gekommen?“ fragte Mander leise.
„Ich gehe diesen Weg noch täglich und bin doch froh und selig im Herrn!“ erwiderte Hold.
„Das ist wunderbar!“
„Nicht so wunderbar wie der Bund der göttlichen, versöhnenden Liebe und der strengrichterlichen Gerechtigkeit mit einander. Nicht so wunderbar, wie Christi Zagen vor dem Kreuze und doch Hingebung an’s Kreuz. Darüber aber gebe ich Ihnen keine Erklärung, bis Sie in die Stunde gekommen sind, die ich zuerst von Ihnen fordern muß, die Gott von Ihnen fordert, weil Er Sie derselben so nahe gebracht hat; wenn Sie dann noch nach einer Erklärung fragen sollten.“
Es war aber keineswegs so leicht, Mander auf den Dornenweg zu bringen, wo seine Selbstzufriedenheit bluten sollte. Mancher Abend ging noch in lebhaften Unterredungen hin, in welchen Hold vorzüglich Mander’s erwachende Neigung bekämpfte, sich eine Art von philosophischem Christentum zu construiren.
„Sind aber nicht alle Materialien dazu gegeben, in der Schrift, wie in den sonstigen Zeugnissen Gottes?“ verteidigte sich Mander.
„Materialien für Sie übergenug,“ entgegnete Hold; „aber der Mörtel fehlt noch, das Herzblut, das die Reue erpreßte, und die Thränenflut, welche die Sehnsucht nach einem Frieden, wie ihn die Welt und die Weltweisheit nicht geben kann, aufquellen ließ. Sie sind in Gefahr, in der Halbheit zu bleiben, weil Sie anfangen, die Baustücke an einander zu passen, ehe das Gebäude in seiner Höhe und Tiefe, in seiner Länge und Breite vor Ihrer Seele steht.“
„Es möchte aber der Weg zum Glauben nicht für Alle derselbe sein,“ meinte Mander.
„Ohne die Demut kommt Keiner in diesen Weg hinein; und ohne die tiefe, durchdringende, ja zermalmende Erkenntnis der Sündhaftigkeit vor Gott, ohne das laute, aufrichtige, in Reu’ und Leid ringende Bekenntnis derselben ist keine Rückkehr für den, der, wie Sie, in den Irrpfaden der geistigen Selbstanbetung sich erging. Daß Sie jetzt schon Baumeister sein wollen, ehe Sie selbst wahrhaft erbauet sind, oder jedenfalls noch in der ersten Frühlingslust der beseligenden Erbauung leben sollten, scheint mir anzudeuten, daß Sie noch unter der Knechtschaft Ihres eigenen Geistes gefangen und nicht durchgedrungen sind zur Freiheit der Kinder Gottes, deren Glaube keine dorische oder korinthische Säulenordnung, sondern eine kühn aufstrebende Säule ist, deren fester Fuß in den Tiefen des Herzens steht und deren Spitze der Regenbogen der Verheißung kränzt.“