Dabei hatte sie seine Hand ergriffen mit dem flehendsten Ausdruck der furchtbarsten Angst, und war im Begriff, vor ihm niederzusinken, als Godber aufsprang und die halb ohnmächtige Frau auf seinen Stuhl sich setzen ließ.

„Beruhigen Sie sich, Frau Pastorin!“ rief er. „Ich will Alles thun, was Sie wünschen. Ist irgend eine Nachricht da?“

Auch Mander, der jetzt aus dem Nebenzimmer trat, in welchem er bei den Büchern, die ihm Licht geben sollten in der Dämmerung seines Glaubens, geweilt hatte, fragte erschreckt über die Angst der Pastorin, woher sie von der Gefahr des Schiffes wisse?

„O Ihr fragt, ihr glaubt nicht!“ klagte diese händeringend, „und unterdessen versinkt mein Gatte in den Fluten. Ihr saht ihn nicht, wie ich ihn sah. An mein Fenster klopfte sein Finger. Ich eilte freudig vor die Hausthür. Er stand da. Ich sah sein Gesicht so hell im Nebel. Ich wollte ihn umarmen und in’s Haus führen. Aber da flossen seine Züge auseinander, und wie sie verschwammen, hörte ich den Seufzer: „mein armes, armes Weib!“ O Godber, hab’ Erbarmen und fahre hinaus. Ich will mit Dir, ich bin stark genug zum Rudern. Du weißt nicht, wie stark die Frau und Mutter ist, die für den Gatten kämpft.“

Vergebens bemühte sich Mander, die Verstörte auf die Macht der Einbildungskraft hinzuweisen, und wie natürlich es sei, daß ihre Liebe, die jede Abwesenheit des geliebten Mannes so schwer ertrüge, ihr allerlei schreckhafte Bilder vorgaukele, die ihren Grund nur in ihrer Sehnsucht nach dem Abwesenden hätten, und in dem vielleicht in der Einsamkeit zu weit verfolgten Gedanken: wie, wenn er einmal von solcher Reise nicht wiederkehrte? Vergebens sprach Godber zu ihr vom Winde, vom Wetter, von der Flut, wie durchaus keine Gefahr denkbar sei, aber eine Verzögerung notwendig hätte eintreten müssen. Die Pastorin setzte diesem Allem immer wieder die ihr gewordene Erscheinung entgegen. Sie gab genau an, was sie vorher bis zu dem Augenblick dieses Gesichtes gedacht und gethan, sie erklärte, gerade in jenem Momente nur ein heiteres Bild der Heimkehr vor der Seele gehabt zu haben, und sprach mit solcher Sicherheit der Ueberzeugung und solcher bestimmten Ausmalung der kleinsten Umstände, daß wenigstens der offene Widerspruch verstummte. Ja Godber, der mit den meisten Seeleuten die Empfänglichkeit für den Glauben an geheimnisvolle Einwirkungen und wunderbare Vorbedeutungen teilte, hatte kaum noch einen Zweifel daran, daß hier etwas dergleichen sich kund gebe. Als daher bei der Pastorin die Angst um den Gatten wie eine für kurze Zeit mühsam zurückgehaltene Flut wieder alle ihre Gedanken und Empfindungen überwogte und sie mit den herzzerreissendsten Jammertönen ihn anflehte: „Godber, rett’ ihn, rett’ ihn!“ beeilte er sich, ihren Bitten zu willfahren. Mander und Idalia begleiteten aber die von der Sorge um ihren Gatten gequälte Frau, bei der nun, da sie ihren Zweck erreicht hatte, eine Erschöpfung aller Kräfte eintrat, und die doch nicht länger von ihrem Kinde entfernt bleiben wollte, nach Hause, während Godber mit den beiden Seeleuten, seinen früheren Schiffsgenossen, an den Strand ging und sein Boot bestieg. Glücklicherweise lag dieses, da es am nächsten Morgen zur Ueberführung einiger Kisten von der geborgenen Ladung auf ein Frachtschiff gebraucht werden sollte, auf einer Stelle, von der sie, wiewohl die Flut eben erst das Gestade benetzte, gleich fortrudern konnten; und obschon der Nebel noch wenig gesunken war, fanden sie doch das Schiff, das sie suchten, bald auf, da der Eine der Matrosen es kurz vor dem Eintritt der hohlen Ebbe hatte vor Anker gehen sehen. Als ihr lauter, mit kurzen Unterbrechungen vom ersten Gewahren des Schiffes an fortgesetzter Ruf unbeantwortet blieb; als sie auf das Verdeck, in die Kajüte hinabstiegen und keine Seele antrafen, da blieb kein Zweifel übrig, daß die Unglücklichen, die auf dem Fahrzeuge gewesen waren, irgendwo auf dem Schlick umherirrten, oder vielleicht schon dem anschwellenden Meere zur Beute geworden waren. Wo sie suchen? Nach welcher Gegend hin das Boot wenden? Godber stand eben mit diesen Fragen auf dem Verdeck, sah mit dem angestrengtesten Blick, als könnte er die dichten Dünste mit seinem Auge durchspähen, rings umher und hörte das Plätschern der Wellen um den Kiel mit einem Grausen, als stände er, selber ein ratloses Opfer, mitten in den andrängenden Fluten; da — „Horch! was war das?“ riefen alle drei Männer auf einmal. Es kam durch den Nebel hin wie ein pfeifender Schrei aus weiter, weiter Ferne her. Wir wissen, daß es Oswald’s gellender Angstruf war, und auch jene glaubten darin einen Hülferuf der Gesuchten zu hören. Sie wurden freilich wieder zweifelhaft, als ihr vereintes Geschrei keine Antwort brachte, obwohl sie es mehrmals wiederholten. Doch da jede Richtung, die sie hätten einschlagen können, gleich ungewiß war, so zogen sie die Richtung vor, von welcher sie jenen Ton vernommen. Rasch ruderten sie vorwärts, wechselten oft, um immer mit gleicher Kraft den Lauf des Bootes zu beschleunigen, hielten nur zuweilen einige Augenblicke an, um auf eine Antwort auf ihren Ruf zu horchen. Da diese aber immer ausblieb, da die Flut schon so hoch gestiegen war, daß in der Gegend, wo sie sich befanden, es kaum noch denkbar schien, die Unglücklichen, wenn sie sich hieher verirrt hätten, am Leben zu finden, und da, obgleich der Nebel nicht mehr die Aussicht hinderte, die Fläche des Meeres, so weit sie übersehen werden konnte, nur das ununterbrochene Spiel der Wellen im Sternenlicht zeigte, so beschlossen sie, noch einmal alle Kraft zu einem gemeinsamen Ruf zu vereinen, und dann eine andere Richtung zu nehmen.

Wir kehren jetzt zu Denen zurück, die wir in der äußersten Todesgefahr verließen. Ihre Kraft, dem immer höher anschwellenden Meere zu widerstehen und sich gegen die wogende Flut aufrecht zu halten, nahm mehr und mehr ab. Wäre der Wind nicht so ganz still gewesen, dann würden sie schon längst ihren Tod gefunden haben. Die Begeisterung, welche Hold und durch seine Ansprache auch die beiden Männer von der Hallig über die Not des Augenblickes emporgetragen, war in eine schweigende, fast bewußtlose Ergebung übergegangen, während in Oswald’s Brust bei völliger Erstarrung des Körpers alle Schrecken des kommenden Gerichts forttobten, und das vergebliche Ringen nach irgend einem Gnadenworte ihn bis zur wahnsinnigen Verzweiflung hinaufmarterte. Wohl hatte er in seinen früheren Lebensverhältnissen zu Denen gehört, welche sich in den Gesetzen äußerlicher Ehrbarkeit bewegen, wenn sie auch die Grenzen dieser äußerlichen Ehrbarkeit so weit stecken, daß allerlei sogenannte natürliche Schwachheitssünden mit hineinpassen; wohl hatte er in dem ihm nie versagten Titel eines liebenswürdigen, gefälligen, unterhaltenden jungen Mannes das Ziel aller Forderungen, die an ihn gemacht werden könnten, erreicht geglaubt, und dennoch — jetzt diese schreckliche Leere und Blöße im Angesicht der Einigkeit! Warum ließ ihn denn das „gute Herz,“ dessen er sich doch in allen einzelnen ernsteren Augenblicken sonst so wohl zu getrösten wußte, nun so ganz ohne Trost und Hoffen? Seine Freundlichkeit gegen Jedermann, seine Teilnahme für Anderer Wohl und Wehe, seine Bereitwilligkeit, ihr Bestes zu fördern, sein Fleiß in seinem Berufe, ja selbst seine Rührung in, früher wenigstens, nicht so ganz seltenen Momenten beim Aufblick zum Sternenhimmel, beim Lesen schöner Stellen in Dichterwerken, wodurch er sein weiches, empfängliches Gemüt bekundet, konnte ihm solcher Ruhm jetzt nicht helfen in der Nähe des Todes? Warum wich dies Alles so scheu nun aus seinem Gedächtnis hinweg, daß er es herzerren mußte in seine Erinnerung, und es dennoch, wenn er darauf haften wollte, gleich einem flüchtigen Schatten wieder entschwunden merkte? Warum lag trotz diesem Allen sein Leben vor ihm wie eine nackte, dürre Haide, auf der kein Blümchen sich pflücken ließ für die Ernte, die jetzt nach seiner Aussaat fragte? Waren doch Tausende noch lange nicht wert, ihm gleichgestellt zu werden, und Tausende so tief versunken in Sünde und Schande, daß er gegen sie noch ein Heiliger genannt werden konnte; und doch — warum wendete der Herzenskündiger, den ja die Frommen als den Gott der Liebe und der Gnade bezeichnen, nicht das Flammenschwert des Gerichtes von ihm ab, das ihm die Seele durchschnitt und das innerste Mark seiner Kraft verzehrte? Warum rollte, ein immer näher kommender Donner, vor seinem Ohr das furchtbare: Verloren! Verloren!?

Könnten auch Dir vielleicht, lieber Leser, wenn Gott ähnliche Schreckensstunden über Dich verhängte, gleiche Fragen den letzten Kampf schwer machen?

Dieser Kampf schien für die von den Fluten fast Bedeckten gekommen.

„Herr, in Deine Hände!“ rief Hold, und glaubte das letzte Wort für sich und seine Gefährten gesprochen zu haben; da — da scholl ein mächtiger Ruf über die Wasser hin und zuckte durch die Seelen Derer, die schon jede Lebenshoffnung aufgegeben, wie ein Auferstehungsgruß. Aber eine lange Minute voll Entzücken und voll Angst ging darüber hin, ehe sie zu antworten vermochten. Die ersten Laute waren kaum mehr, als ein bloßes Aufatmen aus den Tiefen der Brust und dienten nur dazu, die Furcht zu wecken, daß ihre Stimme gar nicht hörbar werden würde. Zugleich war jene schwer errungene Ergebung in Gottes Willen plötzlich mit jenem Ruf von ihnen gewichen, und das volle Gefühl ihrer schrecklichen Lage, das Gedächtnis der Lieben, die ihr Tod in Gram und Herzeleid versenken würde, wieder in seiner ganzen Stärke zurückgekehrt. Endlich riß sich mit der furchtbarsten Anstrengung aus jeder Brust ein Schrei los, der weithin gellte, und der, da das Band der Zunge einmal gelöst war, fast ununterbrochen fortdauerte, ja immer stärker wurde, je näher die Antworten tönten. Und nun hob es sich dort wie eine schwarze Woge und rauschte heran ein Boot, getrieben von starken Ruderschlägen, welche die im Sternenlicht blitzenden Wassertropfen wie ein Feuerregen von sich sprühten. Ein wirres Jauchzen klang herüber, hinüber. Schauer des höchsten Entzückens rieselten durch die Gebeine der dem Leben Wiedergegebenen. In sehnsüchtiger Erwartung streckten sie schon von fern ihre Arme dem Nachen entgegen, der, von der begeisterten Kraft seiner Ruderer getrieben, je näher dem Ziel mit desto rascherem Fluge durch die Wellen schäumte. Jetzt war er bei ihnen. Der Freudenruf der Retter verschmolz mit dem Jubel der Geretteten, und bald trug das eben im letzten Augenblick Erlösung bringende Boot froh die dem Meere entrissenen Opfer dem heimatlichen Heerde zu.

XVIII.