Nur Spiegel ist das Leben,

Das Herz ist die Gestalt;

Das Wort, das Du gegeben,

Tönt her nur aus dem Wald.

Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser ungewöhnlichen Maßregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem sah man, daß Niemand fehle, und die ängstliche Besorgnis der Pastorin wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmütig entschuldigt. Als aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Männer geschwebt hatten, als deren völlige Erschöpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte, da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen ließ. Sie aber hing sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglächelnden Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen Rettung zuschrieb. In ihren Häusern angekommen, fühlten die Geretteten erst ganz die körperlichen Folgen der überstandenen Gefahr. In dem Maße, wie die natürliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe sänftigte, nahm die leibliche Schwäche bis zur völligen Ohnmacht zu und weckte neue Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nächste Tag ging ihnen in einem Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die ihnen dargebotenen stärkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig und körperlich Alles überwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein Gemüt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in freudigem Dank gegen Gott sich ergoß. Oswald lag mehrere Tage in einem unruhigen, durch krampfhafte Erschütterungen und ängstliche Träume unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfältiger ärztlicher Pflege. Erst am fünften Morgen erwachte er neugestärkt nach einem mehrstündigen, tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten Male auf längere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gespräch mit demselben über das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft übermannenden inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und sagte endlich:

„Oswald, laß uns nicht widerstreben Gottes Fügungen. Ja, er hat uns auf dies Eiland geführt, daß wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er will uns retten! Auch mich hat er auf’s Neue ergriffen mit Dem, was Er über Dich verhängt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich kann Ihm nicht länger widerstehen. Ich muß Ihn loben und Ihm danken, daß Seine Gnade größer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld. Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und möchte sagen können: ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade, die nicht will, daß Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm kehre und Buße thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reißt, daß er nicht ganz verzehret werde, so reißt auch der Herr Deine Seele zu sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht länger!“

„Aber, Vater,“ erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei Mander’s sichtbarer Rührung, „soll ich denn meine Jugend einem finstern, freudenlosen Ernst opfern?“

„Nein, nicht opfern,“ rief Mander, „heiligen, verklären sollst Du sie und Dein ganzes Leben bis an’s Ende mit einer Freude, die mehr ist und reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genuß gekannt hast. Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden der Angst, wie die, welche Dich für immer gezeichnet haben, überwinden lehrt.“

Oswald hatte, in Verwunderung über die Worte: „welche Dich für immer gezeichnet haben,“ einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll starren Entsetzens vor demselben stehen. „Im grauen Haar,“ hatte er spottend zu Hold gesagt, „wolle auch er an seine Bekehrung denken,“ und siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefärbt; er war ein Greis geworden in der Blüte der Jugend. Lange blieb er bebend an allen Gliedern, mit der Blässe des Todes übergossen, lautlos in seiner Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: „Gott, ich erkenne Dich!“ seinem Vater ohnmächtig in die Arme.

Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd und stöhnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen, antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus der Höhe lechzende Herz verkündeten.