„Laßt ihn allein!“ sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. „Es ist genug, wenn er still beobachtet wird; merken muß er es nicht. Der Herr hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem jede menschliche Hülfe eine unnütze, ja gefährliche Zuthat ist. Oswald muß noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu früh entgegengeführt wird. Er möchte es dann bald wieder verlassen.“
Und der besorgte Vater sah und hörte, wie Oswald sich vom Lager aufriß, mit hastigen Schritten trotz seiner früheren Mattigkeit in der Stube auf- und abeilte, jetzt mit beiden Händen die Augen bedeckte und am Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder mehr wie ein unruhig Träumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag. Erst gegen Abend hörte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hände desselben, benetzte sie mit heißen Thränen und flehte:
„Vater, Vater, vergieb mir!“
„Laß uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind,“ erwiderte Mander weich, und seine Thränen mischten sich mit denen seines Sohnes.
Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der göttlichen Vergebung regte alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald’s Brust, und Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher selbst gestand, daß sie eine Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch für ihn gewesen sei.
Der Morgen kam, und mit ihm kam für Oswald das schöpferische Werde mit seinem Siegesruf: „das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu geworden!“ Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flügelschlag der Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren Wandlung, als der Herr hörte die Bitte Seiner Jünger: „Herr, hilf uns! wir verderben!“ und stand auf und bedräuete Wind und Meer. Da ward es ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: „Herr, hilf uns! wir verderben!“ die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus der tobendsten Wetternacht trat plötzlich die Sonne siegstrahlend und friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, daß das Kindlein geboren ist, so fühlt hier sich die Seele auf einmal aller Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kämpfe entlastet und ruht gläubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht, wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum Vater, solche Momente, in denen das Gefühl der Gottesnähe und die Freude der Gemeinschaft mit ihm das Herz überwallen ohne allmälige Entwicklung, ohne spätere Steigerung?“ — Oswald war wie ein Kind, das aus dem ängstlichen Traum erwacht und — den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch eben seine Seele durchschauerten, störte das Hosianna des neuen Lebens.
Mander’s Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefühle Oswald’s und seine Freude darüber, daß dieser den Frieden gefunden, ließ es bei ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in dieser Nacht gewonnen.
Hold fand ihn in der Frühe dieses Tages auf den Knieen am Lager des Sohnes. Beider Hände waren in einander geschlungen zum gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten Thränen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine heilsame Gnade hatte widerfahren lassen.
Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur wenig. Sein Wort berührte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung für die Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte nachtönende Hallelujah der Friedensfeier.
Erst am zweiten und dritten Tage ließ Hold sich auf eine längere Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfänglich für alle Segnungen und Verheißungen des Evangeliums, so bereit und willig, in alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und Anweisung so klar und entschieden in seinem Verständnis der Offenbarungen Gottes, daß er voll Verwunderung ausrief: