„Seit wann haben Sie das Alles gelernt?“

„Gelernt?“ antwortete Oswald. „Weiß ich’s doch selbst nicht, wann und wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie Hammerschläge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange harrte der Erlösung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als hätte ich Nichts erduldet für den Frieden der nun mein Teil ist; als müßte ich einen noch viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaßen den Gnadenreichtum aufzuwiegen, der seine Fülle über mich ausgeschüttet. O, wie ist Gott so voll Liebe, Güte und Barmherzigkeit, weit, weit über unser Wissen und Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemüht von Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die früher mir unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir als eine ununterbrochene Kette von Ansprüchen an mein Herz, von Mahnungen für mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und verblendet sein?“

„Wir taufen die Kinder mit Wasser,“ sagte Hold für sich; „aber Gott wählet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei länger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht?“

War dies Selbstgespräch Hold’s, der erst nach schweren Kämpfen und auf weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshöhe, auf der er stand, eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mißtrauen in die Wiedergeburt des früher so gottentfremdeten Jünglings? Vielleicht kam das Erstere zum Letzteren mit hinzu, ohne daß Hold selbst das Eine von dem Andern in seinen Gedanken klar unterschied.

Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschluß zu erkennen, sich zum Missionar vorzubereiten.

„Ich muß,“ rief er, „hinaus unter die Heiden! Ich möchte meine Arme ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich erfahren, mir zur Last und Bürde, wenn ich Nichts dafür thun und leiden kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern von ihrer Glut mittheilen soll.“

Hold bekämpfte diesen Entschluß; anfangs damit, daß er den Rat gab, nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit zu rechnen, die dem Apostel nötig sei. Als aber Oswald die gänzliche Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es für seinen künftigen Frieden durchaus notwendig erklärte, für das Evangelium in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in seinen vorhin angedeuteten Gedanken über Oswald’s Umwandlung ihre Erklärung findet:

„Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demütigen Herzens zu sein! Wie sehr sträuben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen, wollen uns selber geben, wenigstens nach Möglichkeit abverdienen, was wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kämpfen, tragen und dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu können bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel.“

„O, gewiß nicht!“ rief Oswald. „Ich fühl’ es so ganz, daß Nichts mein ist, daß Alles Sein ist, daß nur Sein warmer Frühlingsodem die kalte Winternacht weggehaucht hat von der Wüste meines Lebens. Mir ist so wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele hätte, fühlen müßte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten Ströme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blüten und Düften aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blühen und Duften hinaustragen in die Wüste, wo noch der Winter lagert. Ich will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir den Vater preist, der so Großes an uns gethan.“

„Vergessen Sie nicht,“ erwiderte Hold, „daß noch genug Stunden kommen werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut für sich selber fühlen, obgleich Sie sich nun reich genug dünken, Andern mittheilen zu können. Und dann möchte ich wenigstens für die Heiden lieber Männer einfachen Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Männer, die unverwirrt und unverirrt ein empfängliches, offenes Herz dem Herrn darbrachten von Anfang an; Männer, deren Rückblick in die Vergangenheit weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der Verkündigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein Bußopfer zu bringen, übernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein, weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schöpfend, allein mehr gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte. Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschäft machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so ausschließlich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden muß für die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben überlassen; und ich glaube, das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war, ehe der Weizen Raum finden konnte.“