„Ach! daß Sie auch immer Recht haben müssen,“ seufzte Oswald. „Aber unmöglich kann ich wieder zurückkehren zu jenen trocknen, nur für irdische Genüsse arbeitenden Geschäften meines früheren Berufs; unmöglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt meiner Vaterstadt.“

„Der Glaube verklärt Alles,“ sagte Hold, „all’ unser Lieben, Wirken, Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken für irdische Genüsse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen Lichte betrachten. Er ist es, der alle natürlichen und künstlichen Grenzen zwischen den Völkern der Erde niederbricht. Er sendet sein Banner hinüber über die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wüsten und Einöden. Ihn schreckt keine Mühe und keine Gefahr. Er trotzt dem versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternächtlichen Pols.“

„Ja,“ fiel Mander hier in die Rede, „auch wir dienen der geistigen Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht vergegenwärtigt von der Lectüre der Schriften, die den Geist emportrugen über alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Börse gehen können. Wir fördern die allmälige Verbrüderung und höhere Reife der Völker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekämpfen und dadurch auch die Folgen derselben: Mißtrauen, Feindseligkeit, Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein über den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe, dessen Fäden über alle Scheidungen hinweg die Völker an einander ziehen, sich gegenseitig von einander abhängig machen und dadurch sie sich einander achten und lieben lehren. Er ist der Träger eines nie ruhenden Umtausches, nicht allein irdischer Güter, sondern auch geistiger Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst, Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thätigkeit nur einem kleinen Fleck der Erde gestrahlt hätte. Er mindert die Kriege, weil seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, daß die Erde ein Vaterland und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich wieder verbunden ist durch brüderlichen Austausch.“

„Und,“ fuhr Hold fort, „öffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Küste? Baut nicht der Handelsverkehr die Brücke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern würde dann noch die Zeit sein, von der es heißen soll: Eine Heerde unter Einem Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir können nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken für das Reich Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem Nächsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklären, so müssen wir ihm jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine Freude, wenn er den Kranken von der Nähe des Grabes durch seine Kunst zurückgerufen hat zum Genuß des Lebens. Seine Freude wird aber höher, himmlischer, wenn er dabei bedenkt, daß Gott durch ihn einer Unsterblichen Seele eine längere Frist bereitet hat, für die Ewigkeit zu reifen, daß Gott durch ihn dem Sünder noch Raum gab zur Buße, dem Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum höheren Verständnis, dem Frommen zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt für Bedürfnisse und Genüsse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheißungen, die Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewußtsein treibt er freudig sein Geschäft. Es ist ein Werk Gottes für ihn geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den göttlichen Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn, der da will, daß Allen geholfen werde an allen Enden der Erde.“

„Nun lerne ich mehr verstehen,“ bemerkte Mander, „was Sie früher einmal sagten, daß Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf ihren Dienst für die eine Wahrheit würdigten.“

„Aber,“ entgegnete Oswald, „sind nicht gerade große Handelsplätze die Stätten der größten Entfremdung von den göttlichen Dingen? Führt nicht das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach den wahren Gütern des Lebens ab?“

„Alle großen Städte sind jetzt hierin gleich,“ war Hold’s Antwort. „Doch ist Irreligiosität keineswegs eine natürliche Zugabe des Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die großen Kaufstädte, — denken Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, — an Frömmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Städte, deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschloß gründete. — Kehren Sie zurück zu ihrem frühern Beruf. Zeugen Sie inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel weiß, der wach und thätig in seinem Weltberufe, diesen verkläret durch das Bewußtsein seines höhern Berufes. Schämen Sie sich auch unter den Spöttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort über Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden wünschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht gesegneter in Ihrer Ernte für Sein Reich, als wenn Sie die Stätten aufsuchten, die noch völlig brach liegen.“

„Sie eröffnen mir eine Aussicht,“ erwiderte Oswald, „deren Reiz ich nicht verkenne; aber Sie senden mich zurück in einen Kampf, dem ich schon einmal nicht gewachsen war.“

„Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerüstet mit dem Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Großes an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blüte im Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Düften und Früchten. Bitten Sie Gott, daß Er Sie kräftige und vollbereite. So wird Er Sie darstellen zum Zeugnis, ohne daß Sie sich dazu drängen, ein Zeuge zu sein.“

Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fühlte er sich verletzt durch das wenig verhehlte Mißtrauen in seine völlige Umwandlung zu einem neuen Menschen und hätte daran wol am besten erkennen können, wie gerecht dies Mißtrauen sei.