Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wäre ein längerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold’s Anleitung und Anregung gewiß nützlich gewesen, und Oswald’s Siegesfreude ging mehr allein aus dem Rückblick auf die Vergangenheit hervor, als daß sie von einem ernsten Aufschauen auf den Anfänger und Vollender des Glaubens begleitet war.
Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz zu würdigen wissen, weil sie als eine für ihn neue Erscheinung auftrat. Außerdem beurteilte er früher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser selbst von sich erkennen ließ, und verborgen war ihm die leise Arbeit, wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbäche, diesen scheinbar so dürren Boden schon lange empfänglich gemacht; wie ja auch Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen kindischer Schwäche gesehen, die er bekämpfen, und, um den vermeinten Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfältig verbergen zu müssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der Läuterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward, der das immer gleiche Wort wiederholte: „dem Menschen ist es gesetzt zu sterben, und darnach das Gericht!?“ wer zeugen von seinen spätern schweren Kämpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen?
Doch in seinen spätern Jahren machte auch Oswald noch manche trübe Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und Stürme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Höhen überstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mühe erklimmen müssen. Die Kämpfe blieben für ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das hatte er gewonnen, daß seine Augen aufgethan waren für das rechte Ziel, und daß er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurückfand, und daß die Thränen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: „Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut!“
Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer, welche das Heil in Christo verschmähen; aber sie wissen, daß diese Werke ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurückbleiben in der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht stärker in der Versuchung als Jene; aber sie fühlen ihre Unwürdigkeit und kehren bald um in Reue und Buße und tragen Leid über ihre Sündhaftigkeit. Daher, wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer äußerlichen Erscheinung, ist doch im Innern ein völliger Gegensatz. Hier Demut; dort Eitelkeit. Hier Betrübnis über den Mangel an Heiligung und immer tiefer gefühltes Bedürfnis der Erlösung; dort leichtsinniges Entschuldigen und Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte „gute Herz“ und auf die einzelnen löblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der Forderungen des göttlichen Gesetzes.
Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das Evangelium, und bekennen gern, daß sie schon damit unendlich Viel gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach wir unermüdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und Thränen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drängen, mit Sorgen und Hoffen: die völlige Erneuerung im Geiste des Gemütes, die Verklärung des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und Gefühlen, in allen Worten und Werken, die alles ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschöpf in seinem Wesen und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu einer neuen Schöpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur Zeugnisse sind, daß sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlösung tritt erst die Möglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch ihn im Menschen die Liebe, die reinste und stärkste Triebkraft im Himmel und auf Erden, auf das Göttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern überreden möchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe thätig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des Sinnes und Wandels.
Aber — wer darf dann auf Erden ein Wiedergeborner heißen? — —
Laßt uns den Vater bitten, daß er uns unsere Schwachheit vergebe doch wehe uns, wenn wir sie uns selbst verzeihen!
XIX.
Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube,
Bleibt mir doch immer das hoffende Herz.