„Ich weiß es nicht,“ erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone.

„Du weißt es nicht?“ und dabei sah Hold den Jüngling, der schweigend und gesenkten Auges vor ihm stand, prüfend an.

„Du weißt es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte wiedergefunden?“ und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er lebhaft fort: „Gewiß, Du kannst nicht glücklich werden in der großen Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder Thräne, wie sie ja noch in Deinem Auge hängt, nur spotten. Du mit Deinem einfachen stillen Wesen würdest Dich unheimlich fühlen müssen in ihren glänzenden Kreisen. Für den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfüllung müßiger Stunden, höchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefühle, in denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern.“

Godber errötete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte, ergriff seine Hand und sagte:

„Es kränkt Deinen Stolz, daß ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, daß ein Anderer von Dir weiß, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du giltst. Aber es würde Deinen Stolz ja noch mehr empören müssen, dies an ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rückschritt mehr möglich, wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich fühlst, sie auch es fühlen ließest, daß Du ihr ein unbehaglicher Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, daß Du vertrautest ihrer süßen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr Deine Ehre, daß Du dadurch getäuscht werden konntest. Der Mensch, der sagen könnte: ich bin nie getäuscht worden, der hat sich selber sein Urteil damit gesprochen, und ich würde mich vor seiner Freundschaft ebenso sehr hüten, wie ich mich dränge zu Dem, dessen Herz blutet von den Wunden, welche das getäuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurückbrachtest, drängte ich mich an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht täuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner Gefährten Ruf über die Wasser scholl, die um mein Haupt spülten.“

Godber widerstand nicht länger; ein Blick, in welchem der glänzende Tau einer dankbaren Thräne perlte, und ein fester warmer Händedruck bezeugten es dem Pastor, daß die Zurückhaltung, die jener immer gegen ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annäherung gewichen sei.

Offen sprach jetzt Godber über seine ganze Lage und Stimmung. Er verschwieg nicht, wie Idalia’s Benehmen in der letzten Zeit ihn gekränkt, und ihm fast die Gewißheit gegeben, sie wünsche das Verhältnis mit ihm gelöst zu sehen.

„Laß fahren dahin!“ rief Hold. „Scheide, was schon längst geschieden ist und sich entgegensteht wie Süd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten, so wirf es mit all’ seinen Wunden an’s große Vaterherz dort oben; Gott wird es zu heilen wissen, daß es aus dem schweren Kampfe hervorgehet, ein Held, für den seine Narben zeugen, daß man sich verlassen darf auf seine Kraft und Treue.“

Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken über sich selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschluß, ein letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner Schwäche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann wäre ihm jetzt die Rückkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lösen, die ihn bisher von dem Glücke zurückgehalten, für welches er jahrelang in Geduld und Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern hindurchgeblickt. Doch wäre seine Liebe zu Idalia auch fortan für ihn nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, daß um ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen Steuer ihm anvertraut gewesen, daß er um ihretwillen seinen Gelübden gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte, konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die zu besitzen, für welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz zurück wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war für ihn Nacht und Finsternis, während Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der durch frühe Gelübde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rückkehr in das ebene Geleis ihrer Vereinigung für’s Leben mit freudiger Teilnahme entgegensah.

„Du wirst mit Deinem Vater reisen?“ sagte Godber am andern Morgen zu Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang, nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener in dem Entschluß gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen Geschicks zu hüllen.