Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung für den Jüngling, war es die plötzliche Nähe der längst gewünschten Entscheidungsstunde, wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als möglich ihn verletzen sollte, und, wie es gewöhnlich in solchen Fällen geht, sie verwundete ihn gerade auf’s Tiefste mit ihrer Erwiderung.

„Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich hätte ich meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen. Nie,“ dabei ergriff sie seine Hand und drückte sie innig, „nie werde ich es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird meine Dankbarkeit, nie werden meine Wünsche für Dein Glück aufhören! Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit.“

Godber erglühte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen, was ihn und die arme Maria um das Glück des Lebens betrogen! Er preßte die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezähmen oder auslassen soll.

Idalia wurde immer unruhiger, je länger sein Schweigen währte. Sie wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das Gefühl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so tief gekränkten Jüngling, überwog, und sie sagte mit schmeichelnden Tönen:

„Welch ein Festtag wird es für mich werden, wenn Du uns einmal in Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten, und Du wirst sehen, wie treu mein Gedächtnis auch die kleinsten Umstände unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird.“

Godber hatte diese letzteren Worte ganz überhört; aber der zornige Aufruhr seiner Seele ging plötzlich in eine Wehmut über, die seine Augen mit Thränen füllte. Ein gewöhnlicher Uebergang der Empfindungen in seinem Gemüt, dessen Schwäche einer heftigen Bewegung nicht lange gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zügen wie in seiner Stellung löste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rührende Scene fürchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese doch zu Nichts führen konnte, und weil sie bei der tiefen Erschütterung Godber’s zugleich fühlte, daß sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen Meister sei, wie sie es geglaubt hatte.

Doch Godber besann sich, daß Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es kommen mußte, daß er selber Entscheidung gewünscht, ja daß diese Entscheidung schon längst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe. Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese hätte gern eine freundlichere Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte; aber ehe sie sich darüber besonnen, war es zu spät. Godber eilte die Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten. Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder ein.

Auch wir können von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen flüchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Hätte sie es verstanden, ihre Neigung für Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie würde vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden, überwunden haben, und er hätte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer er das Glück an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche Hingebung erfahren und von sich gestoßen, durfte sie erwarten, je wieder ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfüllt sah?

Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all’ die Zerstreuungen, in welchen sie früher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen Vermögen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten zu glänzen, welche die Zeit ausfüllen, ohne das Herz zu befriedigen, vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gestützt, die Stickerei vergessend auf dem Schooße ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasaß, so lange, bis sie erschreckt von einer heißen Thräne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang, hastig die Laute ergriff und die Saiten stürmen ließ, als sollten die wilden Töne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen wollte, das mögen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen:

Einen Maitag hat das Leben,