Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschluß zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: „welcher Ansicht vom heiligen Abendmahle er zugethan sei?“ Hold erwiderte:
„Ich wollte, Sie hätten mich nicht gefragt, sondern sich, unberührt vom Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein soll. Vielleicht ist das Abendmahl für Jeden nach seinem Bedürfnis und seiner Empfänglichkeit etwas Anderes, und ich hätte lieber von Ihnen gehört, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden, als daß ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaßten Urteil, da dies nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu erörtern, die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt.“
„Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein,“ entgegnete Mander, „und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen für sich feiern, der weiß, was der Herr mit dieser Feier wollte?“
„Aller Segen kommt von Oben,“ war Hold’s Antwort, „und ich glaube, es haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem Einfluß, den die Feier auf ihn ausübte. Freilich wird dieser Einfluß bei Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher die ganze Bedeutung dieses Genusses erwägen.“
„Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner,“ bat Mander. „Ihr Urteil muß bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine große Autorität haben.“
„Meine Autorität soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein langjähriges Nachdenken über die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat vor der erst kürzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt sein: ich knüpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so sehr an das volle Verständnis von dem Charakter derselben, als an eine Gnadenwirkung Gottes auf das empfängliche Gemüt. Sie sollen daher nicht zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheißung, die diese Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich für meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre.
Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der erlösenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun nur in höherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trägerin des Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so können wir uns auch nicht dagegen sträuben, ein Fortleben und Fortwirken dieser That in beständigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist, welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben anknüpft, — so bei uns in den Weihestunden der höchsten Andacht, so bei den Propheten im reichsten Maße, — ein Mittler gegeben, in welchem Himmel und Erde eins wurden, so dürfen wir auch die Lehren, Segnungen und Verheißungen dieses Mittlers nicht mit dem Maßstabe messen, welchen wir den Dingen anlegen, die dem gewöhnlichen Gesetz folgen, nach welchem Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nähern. Wir dürfen vielmehr erwarten, daß Alles, was von jener That ausgeht, einen Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber ein Wunder sein läßt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedächtnis an die That der Versöhnung, das neu geboren werden soll, sondern die That selber, die neu geboren wird im Gläubigen. Das Mahl des Herrn ist Er, der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie die Erlösung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung für den Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der ganze Christus, der Lehrer und der Erlöser, der Leidende und der Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere. Während uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere stärker hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem in einer Hülle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns über. Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlösung eine That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; während sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Gläubigen fortlebt, sondern weil Er selber noch für sie da ist. Denn Sein Fortleben in unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhängig von unserem Verständnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit aber ist nicht ärmer, als die der ersten Jünger, wenn wir sie nicht arm machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheißungen; sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schöpfung geboten, die Durchdringung und Verklärung unseres geistigen Daseins zur Einheit mit Ihm. — Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage, und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache überhaupt für solche Dinge ausreicht, am wenigsten klügelnd und deutelnd ausspricht, überein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen, wunderbaren Rat Gottes zur Erlösung der Kinder im Staube, mit der Thatsache der Erlösung selbst, und mit dem Glauben der Männer, denen wir ein Erzpriestertum in der großen Gemeinde des Evangeliums beilegen müssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autorität vor, da er seinen Rückhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich damit, daß wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die göttliche Wahrheit allein die Frucht des göttlichen Geistes sein kann. Dieser Geist nun hat seine Zeit und Stunde für Das, was dem Glauben der Kirche dienet. Für Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurück auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien, als am Schreibpult hinter der nächtlichen Lampe geboren wird; sondern deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltüberwindenden Glauben auch wirklich eine Welt überwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglühet ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und geläutert ist von diesem Feuer zu einer Stätte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den göttlichen Dingen aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstückeln wagen, und es wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die in einzelnen Stücken fortglühen, wieder in eine helle Lohe zusammenschlagen, und der Erzguß auf’s Neue dasteht in uralter Kraft und Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer Schöpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete des Göttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den göttlichen Dingen, als auch das rechte Wort dafür kann nur der Geist Gottes geben, und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Höhen und Mamres Palmen, will Herzen, deren Flügelschlag zu einem Adlerfluge fähig ist, will Männer, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um Erleuchtung.“
„Hat aber nicht die reformirte Kirche,“ bemerkte Mander, „die doch auch Männern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedächtnisfeier ist?“
„Auch die reformirte Kirche,“ war Hold’s Entgegnung, „gewann bald wieder durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der näheren Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus übereinstimmen, allein eine wirklich tiefere Würdigung des Abendmahls gefunden wird; da Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch Vergeistigung der Gefühle beim Andenken an den Herrn auf die schwindelndsten Höhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen Gedächtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich etwas mehr daraus zu machen. Man fühlt wohl das Bedürfnis, der Gemeinde eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine sättigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewürze hinzu, und denkt nicht daran, daß Gewürze eben nur zur Würze dienen und nicht zur Sättigung.“
„Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie es vorher solchen Männern beilegten, die Säulen der Kirche Gottes sind, zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen?“ fragte Mander.