„Erinnern Sie sich, daß ich diesem Punkt von der Autorität solcher Heroen des Evangeliums einen Rückhalt gab in der Uebereinstimmung mit andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der Lehre von der Erlösung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto größerem Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn auch nicht alle, für sich hat.“
„Aufrichtig muß ich bekennen,“ sagte Mander, „daß gerade das Wort: „Solches thut zu meinem Gedächtnis,“ mir in dem Augenblick, in welchem es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natürlich vorkommt in dem Munde des Herrn, und daß die Stiftung, auf welche es deutet, mir ebenso natürlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein, und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben für uns zu haben scheint.“
„Dagegen muß ich bekennen,“ entgegnete Hold, — so verschieden ist das Urteil! — „daß mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum Gedächtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht: ‚Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!‘ und: ‚Ich bin bei Euch bis an der Welt Ende!‘ gemeint haben, mit solchem Mahl allein ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften mag, welcher fürchtet, es könnten seine Lehren und Segnungen vergessen werden, und doch gern in seiner Persönlichkeit, als ein Mann, der zu seiner Zeit und für seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung fortleben möchte? Ja, müßte solche Stiftung nicht in der christlichen Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr lebte im Gedächtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehörte, je tiefer der Geist sich versenkte in die Fülle Seiner Segnungen und Verheißungen, desto weniger könnte eine Feier gelten, die nur erinnern soll, Ihn nicht zu vergessen.
Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, daß jeder Gedanke an ein bloses Gedächtnismal wegfallen muß. Er spricht: ‚Welcher unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn.‘“
„Erlauben Sie mir noch die Frage,“ sagte Mander hierauf: „Konnten die ersten Jünger, die mit dem Herrn zu Tische saßen, in dem Brote und dem Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genießen, da der Herr noch bei ihnen war?“
„Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben,“ erwiderte Hold, „ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, daß die Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen höheren Charakter geben will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Fülle es doch nur ein Gedächtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genuß in seinen Wirkungen auf den Gläubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlöser geben kann. Aber ich will Sie doch daran erinnern, daß auf die Beantwortung Ihrer Frage gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung für die Kirche, für alle kommenden Christengemeinden, — und das haben nur Wenige geläugnet, — so kann es gern für die späteren Bekenner eine andere Bedeutung haben, als er für die ersten Jünger, denen die sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch immer nur darin, daß wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die sacramentliche Fülle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns Glaube. Doch ich fühle, wie es mit allem Erweisen eine mißliche Sache ist auf diesem Gebiete. Die göttlichen Dinge wollen erfahren sein.“
„Mir ist so unsicher um’s Herz geworden,“ sprach Mander mit einem Seufzer, „daß ich wollte, ich hätte nicht gefragt!“
„Ich sagte es Ihnen im Voraus, daß Sie keine andere Frucht nehmen würden aus dieser Erörterung. Aber vielleicht werden Sie noch künftig mit mir Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung würdigen, zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr nicht die Krone von ihrem Haupte; reißt sie nicht los von der Wurzel des Lebens, von der innigen, ewigen, thatsächlichen Gemeinschaft mit dem, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er Ihnen darreicht aus Seiner Fülle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen, Etwas, und leitet sie selber dazu, daß Er ihnen Alles werden kann. Sein Segen wird Ihnen nicht fehlen!“
Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, daß die sonst bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen verhinderten Kirchganges regelmäßig gehalten werden können, sammelte sich in der an Hold’s Wohnung anstoßenden, mit ihr durch ein Dach verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten nur auf das Verständnis seiner gewöhnlichen Zuhörer berechnet schien, während sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht nach der Verheißung, die er verkündete, zum Tische des Herrn traten, noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen wahrhaft erbauenden, begründenden Eindruck machte. Darauf trat der Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweißem Haar, vor Hold hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwäche und zugleich von tiefer Rührung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle von ihren Sitzen erhoben:
„Würdiger, lieber Herr! Also rede ich für mich und für Alle: Ich bitte Euch, wollet meine Beichte hören und mir die Vergebung sprechen.“