„Ich armer sündiger Mensch bekenne und beklage mich, daß ich die heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig übertreten, und mich gegen Gott und meinen Nächsten oft versündigt habe, damit ich Gottes gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle meine Sünde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die größer ist, als meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme daher in der Zeit der Gnaden, daß ich möge Vergebung empfangen und damit neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist. Amen.“

Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung auf ihr Herz. Mander fühlte tief den Wert einer solchen thätigen Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fühlte sich in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der für Alle sprach. Er fühlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet mit demütigem Flehen und der Verheißung entgegensieht, als wenn der Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als tönte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als würde sie inniger, dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde, als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhörung sein Leben hing.

Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hände, hob die Augen empor in stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause, indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des Altars:

„Der in die Welt kam, nicht daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn selig werde, der da die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, daß Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes Bekenntnis: „Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben.“

Und als nun Hold seine Hände weiter ausbreitete über die ganze Gemeinde hin, und noch einmal die Worte wiederholte: „Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!“ da sank es wie eine Decke von Mander’s und Oswald’s Seele. Das Evangelium war nun völlig Licht, Kraft und Leben in ihnen geworden, und alle Dämmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frühlingsodem. Sie fühlten sich so offen und empfänglich für jeden Gruß aus der Höhe, so klar und entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfüllung der Verheißung, daß das Reich der Wunder, durch die das Göttliche sich dem Staube offenbart, ihnen als eine natürliche Welt erschien, in welcher sie schon längst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche.

XXI.

Schmerzen giebt es, deren Wunden

Nur die stumme Brust erträgt;

Wenn das kühne Wort sie wägt,

Ist des Duldens Kraft geschwunden.