Auf den nächsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschäfte wegen der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt, und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner Stelle ganz ohne Thränen der gutmütigen, für jede ihnen bewiesene Teilnahme leicht empfänglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders auf der Hallig, die wir im Sinne haben, — auf welcher, so weit das Kirchenbuch geht, keine außereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung der ältesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit vorgekommen war, — gar zu leicht geneigt sind, die Welt außerhalb ihrer kleinen Eilande, und besonders in den großen Städten, nur als eine ungläubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, daß sie dieselben mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht, daß ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten. Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar für die silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die Hold freilich aus bestimmten Gründen nicht am gestrigen Tage schon auf den Altar gesetzt, aber sie den Hausvätern, die nach der Feier bei ihm gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus der Ferne verbunden gewesen sein mußte, ein Beweis mehr, daß sie, wie lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die länger dauern würde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein großes Faß mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde, protestirte Hold, da er sich dieses Getränks längst entwöhnt habe. Doch er mußte auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten Gelegenheit für kleinere Gebinde zum Umfüllen zu sorgen, und darauf aufmerksam machte, daß, wenn auch Hold selbst keinen Genuß davon haben wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche Stärkung oft wohlthätig werden könne.

Wer hätte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, daß das Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen Gemeinde größtentheils allein von der Annahme dieses anfangs verschmähten Geschenkes abhinge!

Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit welcher er von den übrigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und Mander legte für sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor nieder und machte sich zu einer jährlichen Summe schriftlich verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber’s, den Maria Jenem auf seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater zurückgegeben, um ihn Maria einzuhändigen. Mander gab ihn Hold, daß er die passende Gelegenheit zur Rückgabe abwarten möchte.

Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch einmal rief ein Händedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefühle des Abschieds wach, und mit Thränen in den Augen bestiegen Mander und Oswald das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende Eiland zurück. Sie hätte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in die Vergangenheit ganz zurückwenden. Sie hätte es für eine Wohlthat für ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von der Ebbe übereilt, stehen geblieben wäre zwischen den beiden Ufern, wie sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Küste des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung des Schiffs nicht durch frühe Uebung vertrauten Fuß an’s Land setzt.

Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen ließ, und sowohl die auf demselben, als auch die Zurückbleibenden winkten bis dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgrüße noch bemerkt und erwidert werden könnten.

Hold war den Tag über in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut über die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Träume seiner Jugend waren durch die Gespräche mit diesen Gästen aus der Welt, in welcher er sich früher so hoffnungsreich und lebenskräftig bewegt, wieder wach geworden. Seine früheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die Länder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre Schönheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine dürftige Nachricht brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das hell vor unserer Nacht vorüberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft blühte und duftete vor seinem Geist in der köstlichen Blumenpracht auf, aber wie ein schöner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in welchem wir uns nicht ergehen dürfen. Und hier diese öde Hallig! Dies wüste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhüllte, als wollte er ihn für immer von der Welt ausschließen. Hatte er denn den Becher Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun für sein ganzes Leben mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu schmachten? Mit welch’ ganz andern Gefühlen, mit welch’ schönen Hoffnungen für sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an den Ufern der Ströme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun vielleicht für immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trüben Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnsüchtig in die Nebel hinein, als könne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken folgen, die über das Meer hinflogen und über Berg und Thal schweiften. Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den Tiefen seiner Brust losrang:

Schwebt hinüber, Trauertöne,

Grüßt den heimatlichen Strand;

Grüßt das liebe, wunderschöne,

Heil’ge, deutsche Vaterland.