Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federbälle zu, und jeden Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen Bodenluke, von der eine längere Lebenshoffnung wie neckisch herabschaute, da keine Stiege mehr hinaufführte. Einige Erleichterung gewährte es ihnen, daß ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch entgegengesetzten Seite jetzt niederstürzte, während gerade hinter ihnen die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstücke in wildem Gedränge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit den immer höher schwellenden Wogenstürzen zu kämpfen, da nur noch nackte Pfähle um sie her waren. Wäre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann freilich hätten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe. Doch immer höher und höher stieg die Flut, und immer gewisser ward der Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die höchste Anstrengung die Unglücklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine Möglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen einzelne Wellen über ihr Haupt hin; und Hold’s Gattin mußte das weinende Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, höher halten, um es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.

Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden konnte, war die Hülfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfaß, das Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefaßt, vorne über und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem Wellenschlag erschütterten Pfählen. Rings um und unter sich den empörten Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch über das zitternde Obdach hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Löcher desselben hereingossen. In dieser, gegen die frühere unten im Hause ruhigeren Lage sank Hold’s Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst nicht von den heißen Thränen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf die teure Bürde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren Sohn. Jetzt stürzte die Kirche, die mit Hold’s Wohnung, wie schon erwähnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es würde Allen unbemerkt geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie im Knarren und Krachen aller Fugen des Gebälks auch selbst des Himmels Donnerschläge aus dem betäubenden Gemisch von Tönen nicht heraus gehört worden wären, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen Sparren über sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte, beschränkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und Osten hin gegeben wäre.

Welche Aussicht! Ein weites unübersehliches Wogenfeld, das bald zu einem Bogen sich vor ihnen auftürmte, der ihre Zuflucht mit seiner mächtigen Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge darunter hinschäumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drücken und in fliegende Trümmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander, gleichsam in ängstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhestätte hinter den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal auch der übrigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete, tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das grelle Licht des Mondes breitete einen fürchterlich hellen Schein auf dies Schreckensgemälde, als hätte die Nacht darum des Tages Schimmer geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den Häusern der Hallig hätte nur Godber’s Wohnung von der offenen Seite gesehen werden können, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Füße hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit übermenschlicher Kraft schien er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Stoß der tollen Windsbraut entgegen, daß mit ihr die Wasser ganz über ihn hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen. Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fuß — war es ein Mauerwerk, war es Gebälk, — hielt nicht länger. Eine fürchterliche Woge rauschte wie ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber und Maria, ein vereintes Paar, als würden sie so gen Himmel gehoben, noch über den Wassern und hinauf bis zu dem äußersten Höhenschaum der langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel, aus dem keine Rettung mehr möglich. Ueber diesen Anblick hatten die, welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst zurück, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden müssen, an andern sahen, und die nun die Nächsten in der Reihe der Opfer sind. Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefühl, obwohl bei jeder starken Erschütterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlösung aus der Schreckensstunde durch ein schnelles Ende über. Nur lenkte Godber’s und Maria’s Versinken in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als daß es zum Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zöge eine dunkle Wolke vorüber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert, überschlug und aus einander ging. Der obere Teil schoß unter das Dach, und überschüttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und siehe! zu den Füßen der Mutter lag ihr längst verloren gegebenes Kind lebend und unverletzt! O, wer faßt die Wonne der Eltern. Mit tausend Küssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn Güte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, daß der Tod Allen noch immer gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer völligen Vergessenheit der gemeinsamen Lage; und hätte in diesem Augenblick das leichte Gebälk dem Stoß der Wellen nachgegeben, sie würden mit einander, noch voll von der Wonne des Entzückens über die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht verminderte Gefahr zurückkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm tobte nicht mehr so heftig und sänftigte sich mit jeder Minute. Die Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen über das gebrechliche Dach aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der mit neuer Lebenshoffnung Erfüllten dadurch sehr gemäßigt, daß die Stützen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie über der Tiefe gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Stößen und Schlägen gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre Fugen sich mehr und mehr lösten; ja daß mit dem Rückgang der Flut der Grund, auf dem die tragenden Ständer ruhten, in großen Brüchen abfiel und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, daß es den Bedrängten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren allein möglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrägen und glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen schweren Wogenzügen nach der Beute hinauf, die es ungern zurückließ, und wühlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Stützpfähle so gierig ab, daß diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin gesparten Opfer jetzt erst den höchsten Grad erreichte. Je höher deren Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ängstlicher ergriff sie der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin! Wie langsam ging die See zurück! Doch die Zeit zählte sich an dem Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.

XXIV.

Gott siehet herab! und — horch! die Wetter schweigen,

Errettung kommt, woher Verderben kam;

Des Tages langersehnte Blicke zeigen,

Wie Gott uns schützte und was Gott uns nahm.

Aus der „Ueberschwemmung“ 1825.

Aber mit welchen Gefühlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der Stätte ihres früheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so freundlichen, häuslichen Stilllebens! Wer möchte sie richten, daß nicht gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genuß fordert. Ausgeschwemmt war der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das genügsame, und darum so reiche Glück eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus war fort und damit der Verkünder des Evangeliums in dem innersten Leben seines Berufes auf’s Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum, von dem stillen Herde seines häuslichen Glücks, waren ihm nur einige Trümmer geblieben, die kaum noch die Stätte desselben bezeichneten. Er und seine Gattin sahen mit Thränen auf die Verwüstung. Er gedachte seiner Bücher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine Spur war übrig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknüpfen ließ. Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an Dem, was sie unter Sorgen und Mühen erworben, die Liebe zu Dem, was freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden unseres häuslichen Lebens gehört, das Alles konnte kein Gold wieder erstatten. Und wäre dies auch möglich gewesen, woher der Ersatz? Standen sie nicht arm und bloß da? — Ohne Aussicht für die Zukunft! Ohne Aussicht auch nur für des Tages Bedürfnis! Das Leben aus der tobenden See gerettet, mußte es nicht vielleicht schon in den nächsten Tagen dem Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend hinüberblicken zu den Küsten des festen Landes, von wo die Hülfe kommen sollte, ehe sie wußten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch über Deiche und Dämme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf ihren Zustand geleitet werden würden? Hatte doch wohl damals Keiner in unserm Vaterlande erwartet, daß für die Halligen so viel rasche Thätigkeit sich entwickeln, so reichliche Unterstützung ihnen zufließen werde, als die Folge bewährte; wie viel weniger konnten im ersten Augenblick, in dem vollen Gefühl ihrer furchtbaren Lage, die unglücklichen Halligbewohner selbst erwarten?