Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wüsten Stätte ihres früheren Glückes, und ihr Kind weinte vor Kälte. Sie wandten ihre Blicke umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwüstung. Leere Werften oder noch einzelne Pfähle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur eine Wohnung war weniger zerstört und konnte einigermaßen noch Schutz und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold von der zerlöcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem umgestürzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand still, und eine dunkle Röte, wie die Glut der Scham, goß sich über sein bleiches Gesicht. — Dann aber flossen seine Thränen stärker, doch aus den Thränen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwölkten Himmel. Er faßte die Hand seiner Gattin, drückte sie fest und innig und sprach:
„Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein,“ und damit schloß er Weib und Kind in seine Arme, „wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will, daß wir Ihn hören. Wie klar hat Er auf’s Neue geredet! Er selber hat mir am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur Stärkung meines schwachen Glaubens.“
Und nun erzählte er auf dem Wege zu der Zufluchtsstätte, was er in das Buch seiner „Gesichte“, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend zuletzt geschrieben:
„Und wieder war der Himmel geöffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewölk, das den Eingang zu der Stätte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen, umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht der winterlichen Erde. Die Strebesäulen der Leiter waren wie zwei breite, von Morgendüften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weißes, duftiges Gewölk, das sich wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann näher zur Erde schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklärten Leibe, für den unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge aber sollte geöffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat, weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie Sommerfäden durch die Lüfte ziehen. Wir wandelten über Berg und Thal hin durch die stille Winternacht, und mein Fuß strauchelte nicht auf der glatten Eisdecke und wurde nicht müde in dem weichen Schnee, als berührten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen nächtlichen Pilgern kamen wir vorüber, aber sie sahen uns nicht, denn auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch selber vor, als hätte ich den schweren, dunklen Erdenschatten zurückgelassen auf seiner Schlummerstätte, und es pilgerte meine Seele in dem Kleide der zukünftigen Heimat. So kamen wir in eine große Stadt und die Thore öffneten und schlossen sich ohne Geräusch, wie eine Nebelwand auseinanderfließt und den Sonnenstrahl durchläßt, der, eine schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur niederleuchtet. In den Straßen war es öde und still, und wir schritten durch die langen Häuserzeilen wie zwei Lustwandler, die, verspätet auf ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und eine gastliche Stätte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in den hohen Palästen, träumten von dem Reichtum, den Ehren und den Wollüsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Hütten der Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorüber und Niemand merkte ihn. Nur über des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wußte, ob es reich oder arm geboren sei, mochte ein Lächeln hinwallen, schöner und lieblicher, als das Lächeln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thürme sich in die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des Mondlichts, und deren breite Seiten und Säulenhallen dahin gebaut schienen, um die dahinterliegenden engen Gäßchen, die Heimat der Elenden und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glänzte Lampenschimmer, und wie wir an der gewölbten Pforte standen, läutete ein liebliches Glockenspiel zur Frühmette. Mich ergriff das Geläute vom Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es drängte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andächtigen, die zum Gebet eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling, erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Füßen des Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten seines Gewandes, ihn zu erwärmen an seinem Busen. Und als ob damit sein Geschäft aus wäre an dieser Stätte, schritt er rascher, und wie es mir schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwärts, hinein in das geächtete Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen bis an die äußerste Ringmauer. Da stand eine Hütte, also verfallen, daß mir bange war, nur vorüberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und ich mußte ihm unwillkürlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das einzige Fenster der ärmlichen Behausung hatte über die Ringmauer hinweg die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen Mondstrahl, also daß ich alle Gegenstände deutlich erkennen konnte, als wäre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein, denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich hörte es an dem Röcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder rangen die Hände und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thräne mehr. Nur der Säugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung. Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zügen lag die martervolle Sehnsucht nach einer Tröstung für sie, er pflückte krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward zum Verzweiflungsgestöhn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter brachen die Kniee, daß sie niedersank neben dem Gatten.
„Wohin führst Du mich?“ sprach ich leise zu dem Engel. „Hilf hier, wenn Du kannst, oder laß uns von hinnen gehen, laß mich weinen über das Elend des menschlichen Lebens.“
Der Engel aber antwortete, und seine Worte tönten wie das Wehen, das dem erwachenden Morgen vorangeht:
„Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder im Staube. Die Hülfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen verlassen und versäumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, daß die Seele des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre.“
Bei diesen Worten lüftete er die Falten seines Gewandes, und der Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat der Armen. Und der hungrige Vogel ließ sich nieder und machte sich an die Brodrinde, und pickte geschäftig eine Krume nach der andern ab. Da floß es wie ein Strahl der Verklärung über das Antlitz des Sterbenden. Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels, der bald an die eine, bald an die andere Seite hüpfend von der gefundenen Nahrung kostete. Und immer glänzender spiegelte sich die Freude, immer seliger der Friede in den Zügen des dem Tode nahen. Höher richtete er sich auf, als wäre ihm die jugendliche Kraft zurückgekehrt, eine Thräne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn. Dann schaute er zurück auf die Seinen, streckte die Hand aus über die Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit voller, fester und klarer Stimme:
„Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?“
Er sprach’s und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange thränenleer gewesen war, wieder eine milde Zähre floß, da — schied seine Seele in Frieden.“