»Als ich mich zum Einathmen des Aethers anschickte, nahm ich mir fest vor, so ruhig wie möglich einzuathmen. Sobald mir der Schlauch an den Mund gebracht wurde, sog ich den Aetherdunst gleich so heftig ein, daß ich nach dem ersten Athemzuge glaubte, es würde mir unmöglich sein, ruhig fortzuathmen. Ich fühlte, wie der Aether in alle Theile der Brust und des Kopfes drang und im Kopfe ein eigenthümliches Sumsen, fast Klingeln, erregte und daß, obgleich mein Bewußtsein noch vollkommen klar war, bald Betäubung erfolgen müsse. Da mir gesagt wurde, nicht mit solcher Heftigkeit einzuathmen, so machte ich es langsamer. Der Athem wurde mir nun immer kürzer, mein Bewußtsein blieb aber noch vollkommen klar, bis plötzlich eine gewisse Umnebelung meiner Sinne eintrat. Dennoch hörte ich jedes Wort, welches die Umstehenden sprachen, ich unterschied auch, wer sprach. Mit der größten Aufmerksamkeit achtete ich auf meinen Zustand und fühlte deutlich, daß ich bald bewußtlos werden würde. Meine Gedanken verwirrten sich aber nicht im Geringsten, auch verursachte mir das Einathmen jetzt keine Unbequemlichkeiten oder Schmerzen. Jetzt fühlte ich, daß man mich langsam auf die Matratze niederlegte und dachte dabei, nun wird das Bewußtsein verschwinden. Meine Angst war aber ganz vorüber. Wie lange es währte, bis ich bewußtlos wurde, konnte ich nicht beurtheilen, noch weniger wie lange die Bewußtlosigkeit anhielt. Ich hatte keine Träume und als ich wieder zu mir kam, hörte ich zuerst die Stimme des Hrn. D. Ich war nun sogleich bei vollkommenem Bewußtsein, aber meine Empfindung kehrte erst etwas später zurück. Alle Schrecken der Operation traten erst jetzt vor meine Seele, denn ich glaubte, sie solle erst geschehen, ich vermogte nicht zu sprechen oder mich zu bewegen, nicht einmal die Augen zu öffnen. In dem Augenblicke fühlte ich einen Ruck im Arm und ich glaubte das wäre die Operation, doch war diese schon vorüber, und ich stieß einen lauten Schrei aus, daß ich selbst darüber erschrak. Jener Schmerz rührte aber nur von einer Bewegung des Armes her. Jetzt hörte ich sagen: »es ist noch eine Ader zu unterbinden«, worauf ich es wagte, die Augen zu öffnen. Ich muß also von der Operation gar nichts gefühlt haben und ich sehe wohl ein, daß der Aether mich gegen die Schmerzen der Operation unempfindlich machte. Nachdem ich wieder aufgerichtet war, fühlte ich weder Schwindel noch Schmerzen und mich frei von jedem Unbehagen.«
L. L.
Mad. S., die Frau eines fremden Kaufmannes, 32 Jahr alt, kam einer bösartigen Krankheit der rechten Brust wegen nach Berlin. Vergebens hatte die Kunst bis dahin alle Mittel erschöpft, die glückliche Mutter blühender Kinder wollte um jeden Preis leben, und der gräßliche Anblick einer kindskopfgroßen, an mehreren Stellen aufgebrochenen Brustdrüse mit champignonartigen, rothen Wucherungen zeigte deutlich die Natur eines bösartigen Schwammes. Ich konnte mich anfangs nicht zu der Operation entschließen und nahm dieselbe, weniger durch das Flehen der Kranken, als durch die nach einer längeren Zittmann'schen Cur herbeigeführte Erschlaffung des kranken Gebildes bewogen, vor.
Nach vier Minuten langem Einathmen der Aetherdämpfe zeigte die Kranke keine Empfindung mehr. Jetzt begann ich die Operation, indem ich in weiten Grenzen die kranke Brust und die stellenweis zerstörte Umgebung umschnitt und dann die enorme Geschwulst von den darunter liegenden Theilen ablöste. Die Blutung dabei war außerordentlich stark, und eine Menge krankhaft erweiterter Pulsadern überschütteten mich und die Gehülfen mit einem blutigen Regen, wobei ich aufs deutlichste bemerkte, daß das arterielle Blut sich kaum in seiner Färbung von dem aus dem Gewebe und den großen durchschnittenen Venen hervorquellenden dunklen Blute unterschied. Unter der Operation stieß die Arme leise, gegen das Ende derselben laute Klagetöne aus, doch beim Erwachen aus dem Aetherschlaf versicherte sie, nichts von der Operation empfunden zu haben. Sie wurde dann verbunden und ins Bette gebracht. Außer mehreren jungen Aerzten war Hr. Reg.-A. Dr. Müller und Hr. Dr. Jäger bei der Operation zugegen.
Einer Dame von mittleren Jahren exstirpirte ich eine bösartige Geschwulst von der Größe einer starken Faust aus der rechten Brust. Die Patientin war sehr ängstlich. Der Puls hatte unmittelbar vor der Operation 100 Schläge. Das Einathmen der Aetherdämpfe geschah ohne alle Beschwerde. Die ersten Züge verursachten leichtes Husten. Die Pulsfrequenz der ersten Minute betrug 110, und stieg in der zweiten bis auf 130 Schläge. Die Kranke fühlte jede irgend empfindbare Berührung ihres Körpers, beantwortete die an sie gerichteten Fragen, und zeigte im Ausdruck und in der Farbe des Gesichts nicht die geringste Veränderung. In der dritten Minute sank der Puls auf 120. Die Augen waren geschlossen, ihr Gesicht jetzt ein wenig mehr geröthet. In der darauf folgenden vierten Minute fiel der Puls bis auf die Zahl von 100 Schlägen, die er vor dem Beginne der Aethereinathmung gehabt hatte; Empfindung und Bewußtsein der Patientin waren erloschen. Während der Operation, welche ich in der Art ausführte, daß ich die Verhärtung mit zwei ovalen Schnitten umgab und dann vom Grunde löste, verrieth die Kranke keine Empfindung des Schmerzes. Ein unbestimmter, weder der Freude noch dem Schmerze angehörender Ton und eine instinktmäßige Bewegung der Hand nach dem leidenden Orte hin waren die einzigen Regungen. Die Bewußtlosigkeit dauerte noch einige Augenblicke nach der Operation fort. Sie richtete mit geschlossenen Augen ihren Oberkörper etwas in die Höhe und bemühte sich, mit der Hand nach der Wunde zu fassen. Das Gesicht zeigte hierbei jene eigenthümliche Mischung von Lust und Schmerz, wie man sie oft in den Zügen der Aetherisirten beobachtet. Erst nachdem die Wunde verbunden war, konnte man ihr die Ueberzeugung verschaffen, daß die Operation bereits geschehen sei. Die Kranke schrieb in Bezug auf die Operation Folgendes. »Nachdem ich den Aether eingeathmet hatte, fühlte ich, daß man mich niederlegte. Ich habe weder die Operation noch einen Schmerz empfunden, doch fühlte ich, daß das Blut warm herabfloß, auch daß man die Adern zuband. Nach der Zeit war ich bei vollem Bewußtsein. In meinem bewußtlosen Zustande habe ich weder Träume gehabt, noch sind mir Bilder vorgekommen.«
J. H.
Eine Dame in den vierziger Jahren, seit längerer Zeit an einer schmerzhaften Vergrößerung der linken Brust leidend, gegen welche die ausgezeichnete Behandlung der Aerzte fruchtlos gewesen war, kam nach Berlin. Die Brust von kugelrunder Gestalt und der Größe eines kleinen Kindskopfes war mit ihrem Grunde nur locker zusammenhängend und zeigte sich bei der Untersuchung elastisch. Auf der Oberfläche sah man einige ausgedehnte Venen bläulich durch die Haut hindurchschimmern. Die Haut selbst war durch den beträchtlichen Umfang der Geschwulst zwar sehr verdünnt, übrigens aber gesund. Die Achseldrüsen waren nicht angeschwollen. Die Kranke von zarter Constitution und einem höchst reizbaren Nervensystem wünschte bei der Operation dringend die Anwendung der Aetherdämpfe. Eine am Tage zuvor angestellte Prüfung mit dem Mittel erzeugte schon binnen einer Minute einen fast bewußtlosen Zustand, welcher nach einigen Minuten wieder verschwand.