21.
Umzäunung der Weinstöcke.
Freilich müssen solche Stöcke aber auch gegen Vieh und andere Feinde durch eine Umzäunung geschützt seyn, und diese wird sich wohl an den meisten Orten anbringen lassen, da sie nicht breiter, als höchstens 2 Ellen zu seyn braucht, so daß man darinnen gehen kann. Sollte nicht so viel Raum vorhanden seyn, so ist eine Elle breit hinreichend. Man muß aber die Umzäunung alsdann so einrichten, daß sie, gleich den Thorflügeln aufgemacht werden kann, wenn es an dem Stocke etwas zu thun giebt. Diese Art dürfte auch in Städten anwendbar seyn, denn ich kann nicht einsehen, warum man nicht auch hier den Weinstock gleich von der Erde an sollte benutzen können. Welch’ ein schöner, breiter und oft auch hoher Raum ist da nicht oft von der Erde an bis an die untersten Fenster, und selbst zwischen denselben giebt es oft sehr breite Stellen, an welchen man Reben in die Höhe ziehen könnte, die dann mit ihren Ruthen und Trauben dem Bewohner durch die Fenster begrüßen, den Zimmern in heißen Sommertagen eine wohlthätige Kühlung gewähren, zur Zeit der Blüthe einen erquickenden Geruch verbreiten, und zur Zeit der Traubenreife bei geöffneten Fenstern freundlich zum Genusse einladen dürften. Einige, denen ich diesen Vorschlag einstens machte, äußerten zwar die Bedenklichkeit, es würde der Wein an diesen niedern Stellen wohl vor räuberischen Thieren, schwerlich aber vor diebischen Menschenhänden zu schützen seyn. Mit dieser Furcht suchte man mich freilich auch zu erfüllen, als ich meine, mitten in dem Dorfe stehende Schulwohnung mit Weinstöcken umpflanzte; aber ich muß es den Bewohnern meines Ortes öffentlich zum Ruhme nachsagen, sie haben mir nichts entwendet. In Städten aber, wo Fenster bei Fenster und Tag und Nacht weit mehr reges Leben auf den Gassen ist, als auf dem Lande, dürfte ja der Dieb wohl noch viel weniger Gelegenheit haben. Laßt uns nur Alle jeden schicklichen Ort mit Weinstöcken bepflanzen und jede müßige Stunde dazu benutzen, so wird Niemand mehr nöthig haben, zu stehlen; denn Jeder hat dann selbst genug für sich und -- den Dürftigen, die keine Gelegenheit zur Anpflanzung haben, wird man gern eine Traube mittheilen. Es ist in der That Unrecht, daß man die schönen hohen Wohnungen, Scheunen und Stallgebäude in den Städten und auf dem Lande nicht überall, wo es irgend geht, mit diesem herrlichen Grün bekleidet. Freilich macht der Anfang eine kleine Mühe und in der Folge alle Jahr ein wenig Arbeit; allein, wer diese scheuet, den möchte man wohl an das allbekannte Sprüchlein erinnern: Wer nicht will arbeiten, (am Weinstocke), der soll auch nicht essen (von den Trauben).
22.
Vom Untersetzen der Weinstöcke.
Hierbei kommt es darauf an, wie hoch man wegen der Höhe des Spaliers die Stöcke ziehen kann und will. Hat der zuerst emporkommende Stock die Höhe des Spaliers erreicht, so daß man im nächsten Jahre dessen über das Spalier hinausgehende Reben nicht mehr anheften könnte, so muß er nun untersetzt oder abgeschnitten werden. Abschneiden kann man ihn gleich unten, etwa eine Viertel-Elle über der Erde. Auch dieses alte Holz ohne Augen schlägt wieder aus. Man nennt diese Ruthen, sowie überhaupt alle Ruthen, die aus dem alten Holze kommen, Wasserruthen. Ich thue das aber beim Untersetzen gewöhnlich nicht, sondern gehe an jedem Zweige oder Aste des Stockes von der Erde an in die Höhe, bis dahin, wo ein jeder Zweig oder Ast junges Holz, d. h. eine Ruthe, hat. Gerade über dieser Ruthe schneide ich weg und die Ruthe selbst schneide ich zum Zapfen. So behält der untersetzte Stock mehrere Zweige oder Aeste von verschiedener Länge; diese treiben im nächsten Sommer schöne, starke Ruthen, haben aber selten Trauben, weil der Stock in diesem Jahre zu sehr mit neuem Wuchse beschäftigt ist. Im folgenden Jahre bringen sie jedoch der Trauben viele. Ein so untersetzter Stock dient nun wieder zur untern oder mittlern Bekleidung des Spaliers, je nachdem er länger oder kürzer gemacht worden ist. Ist an einer Stelle zur niedrigsten Bekleidung keiner mehr vorhanden, so muß man in dieser Gegend Einen auf vorhin beschriebene Art eine Viertel-Elle über der Erde wegschneiden. Während dessen kommt wieder ein anderer in die Höhe, bei dem dann wieder in einem andern Jahre das Untersetzen nöthig ist. Und so habe ich fast jedes Jahr Stöcke zu untersetzen. Auf diese Weise fehlt es nun meinem Spaliere an keinem Orte, und in keinem Jahre weder an Reben, noch Trauben. Auch glaube ich, es nun so deutlich dargelegt zu haben, daß mich ein Jeder wird verstehen können. Da man beim Beschneiden, wenn es ordentlich werden soll, viel gegen den Daumen schneiden muß, so ist es nöthig, denselben durch einen Ueberzug von starkem, festen Leder zu schützen. Auch ist ein spitziges Messer beim Beschneiden das beste, weil man damit bequem in alle Winkel kann.
23.
Vom Verjüngen der Weinstöcke.
Man kann die alten Stöcke auch noch auf eine andere Weise verkürzen, nämlich durch das Verjüngen oder Jungmachen. Dazu gehört aber, wie sich gleich zeigen wird, mehr Raum und Mühe. Man nimmt nämlich das alte, lange Holz vom Spaliere herunter, legt es von demselben ab- oder seitwärts in einen oder einige dazu gemachte, eine halbe Elle tiefe und breite Graben, beugt es in einiger Entfernung wieder um, nach dem Spaliere zu, so daß das ganze alte Holz in die Erde kommt, und nur die äußersten Enden, mit dem zu einem Zapfen geschnittenen jungen Holze am Spaliere wieder aus derselben hervorragen. Auf diese Weise werden aber oft aus einem Stocke sehr viele; so viel er nämlich Zweige oder Aeste hat. Man müßte denn einige, für die kein Raum vorhanden wäre, abschneiden. Bei weniger Raum ist natürlich das Untersetzen besser, als das Verjüngen. Ich habe dasselbe bei einigen meiner Bekannten, die mich baten, ihre in Unordnung gerathenen Weinstöcke in Augenschein zu nehmen, an einem ganzen am Giebel eines Hauses angebrachten Spaliere anwenden müssen. Zum Verjüngen war hier nicht der geringste Raum. Die Stöcke selbst aber hatten eine solche Menge altes, langes Holz mit schwachen Ruthen, daß dieselben von der Erde an bis in die äußerste Spitze des Hauses einer durch und durch verwachsenen dicken Dornenhecke glichen, an welchem von unten an bis an den Bodenraum gar kein junger Wuchs mehr zu finden war. Ich legte Hand an das Werk, und als ich fertig war, reichten sämmtliche Stöcke kaum bis an das Fenster, was höchstens eine Elle hoch war. Und im nächsten Sommer trieben diese alten kraftvollen Stöcke so viel schöne starke Wasserruthen, sogar mit Trauben, (was in diesem Jahre eigentlich noch nicht zu erwarten war, aber durch die starke Kraft der Stöcke bewirkt wurde,) daß mehrere verbrochen werden mußten, weil sie nicht alle Raum hatten. Im nächsten Herbste wurde wieder gehörig beschnitten, nämlich Zapfen, Schenkel und Reben nicht länger gelassen, als ich es schon angegeben habe. Im darauf folgenden Jahre ging die Zahl der Trauben weit in die Hunderte, und nach Verlauf von 4 Jahren, in die Tausende.
So verfährt man mit alten, in Unordnung gerathenen Stöcken durch das Untersetzen, wenn das Verjüngen wegen Mangels an Raum nicht möglich ist. Durch das Verjüngen aber kann man sich, wenn Raum genug vorhanden ist, auch noch andere Vortheile verschaffen. Man kann nämlich von einigen alten langen Zweigen oder Aesten ein Gegenspalier anlegen, das man so weit vom Hauptspaliere entfernen kann, als die Aeste des Stockes lang sind. Auch kann man dadurch ferner eine Menge Stöcke erzeugen; diese stehen aber nicht in gleicher Linie, sondern zerstreut durch einander, und bilden gleichsam einen Weinberg. Dieß geschieht nämlich, wenn man jeden vom Hauptstocke abgenommenen Zweig oder Ast, so lang er ist, in die Erde legt, und nur das äußerste Ende desselben mit dem daran befindlichen Zapfen hervorragen läßt. Auch ist das Verjüngen sehr anwendbar, wenn ein Gebäude, woran Weinstöcke stehen, vergrößert werden soll. Man braucht nämlich dann solche nicht heraus zu nehmen und weiter zu pflanzen; wenn nur sonst die Erweiterung des Gebäudes nicht länger ist, als die Zweige oder Aeste der Stöcke sind, sondern man legt sie so lang in die Erde, daß sie an der Außenseite der neu aufzuführenden Mauer wieder hervorragen. Man kann sie auch dadurch noch verlängern, daß man die oberen Ruthen recht lang läßt, und nur die äußerste schwache Spitze wegnimmt. Von diesen lang gelassenen und nachher mit in die Erde gelegten Ruthen brauchen nur ein, zwei oder drei Augen hervorzustehen; sie bilden dann wieder einen neuen Stock. Dadurch kommt nun die Hauptwurzel des Stockes mit denjenigen, welche in Zukunft an den in die Erde gelegten Zweigen oder Aesten entstehen, unter das Gebäude, und haben, wenn es eine Stube ist, ein sehr warmes, und ist es ein Stall, ein sehr fruchtbares Lager, und die Wurzeln, die der Stock außerhalb der Mauer treibt, bekommen ihr Lager wieder in der am Gebäude hin unter der Traufe zum Begießen befindlichen Vertiefung. -- Alle durchs Verjüngen erniedrigten Stöcke haben einen vorzüglichen starken Trieb, wegen der vielen zerstreut liegenden Wurzeln, die aus allen Richtungen dem Stocke Frucht zuführen. Das Untersetzen muß wegen des Verblutens durchaus im Herbste geschehen. Das Verjüngen aber kann außerdem auch im Frühjahre, ja sogar mitten im Sommer, wenn die Menge der Ruthen nicht daran hindert, vorgenommen werden. Wenn Umstände es im Sommer nöthig machen sollten, so müßte man die Ruthen, welche ihr Lager in der Erde bekommen würden, zu Zapfen schneiden, und nur die äußerste oder zwei derselben, jedoch unverbrochen, aus der Erde hervorgehen lassen. Wäre der Stock nicht zu weit zu leiten, so daß nur sein unteres altes, kahles Holz in die Erde käme, so kann man alle daran befindliche Ruthen mit ihren Trauben unverändert lassen. Sie gedeihen an der neuen Stelle eben so gut, oft noch besser, indem der Stock, obgleich er neue Wurzeln treibt, doch durch das Einlegen zugleich auch neue Nahrung bekommt. Ich fand einst bei einem Bekannten zu Johannis einen alten, im Grase hin und her liegenden Stock. Ich ließ das Gras abhauen, dann den Boden umgraben, legte das alte Holz in die Erde und ließ nur die Spitzen der schwachen elenden Ruthen an der Wand hin aus der Erde hervorragen. Es sah aus wie eine Reihe zarter Nelkensenker. Binnen vier Wochen waren sie gegen 3 Ellen lang, und jetzt, nach Verlauf von ohngefähr sechs Jahren, ist es ein Spalier, an welchem jährlich 2 bis 3000 Trauben hängen. Auf diese Weise kann man also auch verdorbene Weinstöcke wieder in Ordnung bringen.
24.
Vom ersten Anbinden oder Heften im Frühlinge.
Eine Hauptsache beim Weinbau ist nun ferner das Anbinden oder Heften im Frühjahre. Am besten ist hierzu der Bast von Linden oder Rüstern. Bindfaden und andere ihm ähnliche Bänder taugen nicht dazu, weil sie Einschnitte in das Holz machen. Ich habe in Ermangelung des Linden- und Rüstern-Bastes, es auch mit dem weidenen und fichtenen versucht, und es gelang vortrefflich. Ich schälte nämlich meine im Winter gehauenen weidenen 3 Ellen langen Brennholzstücke und einige zum Bauen bestimmte Fichten ab. Dieß gab Streifen mitunter von einer Hand breit und noch breitere. Von diesen ließ ich die obere graue Schale mit einem Messer abstreifen, alsdann ließen sich die den breiten Lederriemen ähnlich sehenden Stücke in mehrere lange schwache Faden reißen. Dieß macht man, wenn man es gleich verbrauchen will. Ist dieß nicht der Fall, so läßt man diese breiten Streifen, um sie vor dem Verstocken zu sichern, trocknen. Sie werden hierdurch freilich so hart, daß sie oft bei der geringsten Berührung brechen; allein man darf sie nur eine Stunde vor ihrem Gebrauche in das Wasser werfen, so werden sie wieder so geschmeidig, als ob sie eben vom Baume geschält wären. Freilich muß man sie während der Arbeit in einem Gefäße mit Wasser liegen haben, und nur immer so viel heraus nehmen, als man für die erste Viertel-Stunde gebraucht. Sobald der Wein damit angebunden ist, wird der Bast freilich wieder trocken, aber er reißt nicht mehr. Auf diese Weise hat man also nicht nöthig, des Bastes wegen grünende und wachsende Bäume zu beschädigen. Beim Anbinden selbst nun muß man die Aeste des Stockes mit ihren Zapfen, Schenkeln und Reben so weit auseinander bringen, als es nur immer möglich ist. Das alte Holz der Aeste kann zwar dicht neben und über einander liegen; die Schenkel und Reben selbst aber dürfen nicht dichter zusammen kommen, als eine Viertel-Elle. Hat man Raum genug, so kann man sie auch noch weiter von einander bringen. Sowohl das junge, als das alte Holz muß nicht durchaus gerade in die Höhe gezogen werden, sondern beides kann seitwärts schräge zu liegen kommen, je nachdem es sich schickt. Fangen später die Augen an zu treiben, so hat jede Ruthe gehörigen Raum und Sonne.