Bisweilen trifft es sich auch, daß zwei Ruthen an einer Stelle entstehen, besonders bei starken, auf gutem Boden stehenden Stöcken. Es befindet sich nämlich hinter jedem Auge noch eins, oft zwei; man nennt sie Reserve-Augen. Diese Reserve-Augen fangen gewöhnlich im Frühjahre mit den Haupt-Augen zugleich an, zu treiben. Sind nun die Stöcke noch jung und schwach und haben magern Boden, so bleibt endlich das Reserve-Auge sitzen. Haben aber, wie gesagt, die Stöcke Kraft und guten Boden, so treiben diese Reserve-Augen mit den Haupt-Augen zugleich fort, und auch diese aus den Reserve-Augen entstandenen Reserve-Ruthen bringen ihre Trauben. Ich habe einmal in einem guten Weinjahre an den meisten Hauptruthen drei und an den Reserve-Ruthen zwei, und also fünf Trauben auf einer Stelle gehabt. An einigen Stöcken hatten sogar die Hauptruthen 4 und die Reserve-Ruthen 3 Trauben.

26.
Vom zweiten, dritten und vierten Anbinden oder Heften.

Wenn nun die Ruthen länger werden, so muß man sie anheften, damit sie sich nicht umbeugen und von Wind- und Regenstürmen abgebrochen werden. Es ist auch dieses Anheften um der Trauben willen nöthig, weil dieselben sonst, wenn sie zu groß und schwer werden, mit der Ruthe zugleich abbrechen können. Daher muß man auch die untern Fruchtruthen anbinden, ob sie gleich gewöhnlich nicht so lang werden, als die obern Zugruthen, welche oft mehrere Male angebunden werden müssen. Denn zwar nicht die Last der Länge, wohl aber die Last der Trauben kann sie später umbeugen und brechen. Dieses Anheften muß aber durchaus noch vor der Blüthenzeit geschehen, denn während derselben darf man nicht in den Ruthen herumstören, weil man sonst den Blüthenstaub abstreift. Auch kann, wenn die nun immer länger werdenden Ruthen nicht angebunden sind, Sturm und Wetter dieses Abstreifen verursachen, oder die schwebenden Ruthen zerbrechen. Bei diesem Heften muß aber mit den noch jungen und fetten Ruthen sehr vorsichtig umgegangen werden, damit man sie nicht abbricht. Deßhalb dürfen sie auch nicht etwa dicht an das Spalier oder an die alten Aeste des Stockes angebunden werden, wie man das beim ersten Anbinden im Frühjahre thut; es ist auch dieses dichte Anbinden sehr oft wegen der Fettigkeit und Weichheit der Ruthen nicht möglich und noch weniger nöthig. Man faßt mit dem Baste eine Stange des Spaliers, oder einen Ast des alten Holzes, oder einen nahe liegenden Schenkel oder eine Rebe, und zugleich auch die Ruthe dicht unter der ersten Traube, und zieht dieselbe nun so weit heran, als es sich thun läßt. Dadurch geschieht es, daß die Ruthen nun in längere oder kürzere Henkel zu hangen kommen, wodurch sich dann der ganze Stock nach der Außenseite hin verbreitet und Ruthen und Trauben mehr Raum bekommen; denn es braucht durchaus nicht Alles dicht an das Spalier angeschnürt zu seyn. Meine Stöcke kommen durch dieses Henkeln oft ¼, sogar ½ Elle weit und noch weiter vom Spaliere und der Mauer ab, und hängen doch nicht abwärts, sondern stehen und sehen so glatt, als ob sie mit der Zannscheere beschnitten worden wären. Das dritte Heften erfolgt nach der Blüthenzeit, wo man Alles, was abwärts hängt, ebenfalls wieder so anhenkelt, und sollten späterhin wieder Ruthen mit ihren nun länger gewordenen Spitzen abwärts hängen, so muß man zum vierten Male heften, was aber selten und nur bei wenigen, nämlich bei den langen Zugruthen nöthig ist. Jetzt kann man auch, wie schon gesagt, die abermals abwärts hängenden Spitzen abbrechen oder der Haltbarkeit wegen um einen nahe liegenden festen Gegenstand winden; denn sie können nun nichts weiter nützen. In den kürzlich vergangenen Jahren habe ich den Versuch gemacht, mir das dritte und vierte Heften ohne Nachtheil für den Stock ganz zu ersparen, und er ist gelungen. Ich fand nämlich bei genauer Beobachtung, daß einige Wochen nach der Blüthenzeit alle Ruthen ohne Ausnahme ihre gehörige zum Herbste beim Beschneiden nöthige Länge erreicht hatten, folglich alles nun noch wachsende Holz überflüßig sey. Jetzt fing ich an, alle hervorkommenden Spitzen aller Ruthen, sogar die der Zugruthen, wegzubrechen, und mit allen in der Folgezeit wieder hervorkommenden Spitzen eben so zu verfahren, und fand, daß diese Behandlungsweise weder den Trauben noch den Ruthen Schaden brachte. Ich hatte im Herbste beim Beschneiden nur einen sehr geringen Nachtheil davon, nämlich den, daß ich keine, oder wenigstens nur sehr wenig Schnittlinge machen konnte: denn ich fand größtentheils nur so viel junges Holz, als ich brauchte, und konnte einen Schnittling nur da erlangen, wo wegen zu vieler Ruthen einige weggeschnitten werden mußten. Das von den stehenbleibenden Ruthen weggenommene Holz war zu Schnittlingen größtentheils zu kurz. Seitdem habe ich jedes Jahr wieder so verfahren, und da ich abermals keinen Nachtheil gespürt habe, werde ich es auch ferner thun, und rathe einem Jeden, eben so zu handeln. Nur das zu frühe Verbrechen, nämlich vor und in der Blüthenzeit, kann ich nie und nirgends anrathen.

27.
Das natürliche Anheften vermittelst der Gabeln.

Manche Ruthen heften sich auch selbst an, vermittelst der Gabeln; so nennt man die an den Ruthen und beiden Trauben hin und wieder hervortreibenden Ranken, die sich an den Enden in zwei Theile theilen und sich um das Spalier und Alles, was sie erreichen können, herumwinden und sehr fest werden. Das Erscheinen der ersten Gabel an einer Ruthe ist gewöhnlich ein Zeichen, daß nun keine Traube weiter kommt. Einige meinen, man müsse diese Gabeln abbrechen, denn sie raubten dem Stocke die Kraft. Dieß ist ein Irrthum, denn man raubt ja auch dadurch den Ruthen ein herrliches Befestigungsmittel, welches ihnen die Natur sehr weislich verliehen hat. Denn kein Band kann fester werden, als dieses Anklammern der Gabeln. Man muß aber dieses Heften oder Anhalten nicht zuerst den Gabeln überlassen, (denn Wind und Wetter treibt oft die Ruthen aus der gehörigen Lage, und sie heften sich alsdann da an, wo es sich nicht schickt), sondern man muß das erste Anbinden der Ruthen selbst besorgen, damit sie in die richtige Lage kommen, und das Anklammern der Gabeln für sie nachher ein zweites richtiges und noch stärkeres Befestigungsmittel wird.

28.
Von der richtigen Lage der Ruthen.

Die richtige Lage der Ruthen ist folgende: Die an jedem Schenkel und jeder Rebe sich befindenden untern, gewöhnlich schwächern und kürzern Fruchtruthen leitet man durch das Anbinden einwärts nach der Mauer zu; die obern längeren und stärkeren Zugruthen aber zieht man, so viel es sich thun läßt, nach außen, damit sie gutes Licht und Sonne bekommen und gehörig reifen können. Denn fehlt es diesen Zugruthen an Luft, Licht und Sonnenwärme, so bleiben sie blaß und weich, verholzen nicht, und man kann sie zum Herbste nicht gebrauchen, sondern muß sie, so weit sie grün sind, wegschneiden. Denn die Reife, die sie nach dem Abfallen der Blätter und den Winter über noch bekommen sollen, ist nicht von Bedeutung. Und dieses Erziehen der Zugruthen ist eine Hauptsache beim Weinbau. Es ist die Aussaat für das nächste Jahr. Zieht man im ersten Jahre keine Zugruthen, so hat man im nächsten Jahre keine Trauben zu erwarten. Ich habe Weinstöcke gesehen, die viele Trauben hatten, recht schön angebunden und ganz glatt verbrochen waren, aber nicht eine einzige Zugruthe hatten. Solche Stöcke lassen sich im Herbste schlecht beschneiden; man findet an ihnen lauter kurze und schwache Ruthen, und man muß lauter Zapfen und kurze Schenkel schneiden. Reben werden gar nicht, und sie bringen natürlich im nächsten Jahre nicht die Trauben, die sie gebracht haben würden, wenn man ihnen die gehörigen Zugruthen gelassen hätte. Am Ende fangen sie gar an, zu kränkeln und gehen ein, weil sie durch das beständige starke und besonders zu frühzeitige Verbrechen in ihrem Wachsthume zu sehr gestört worden sind.

29.
Von der richtigen Lage der Trauben.

Den kürzeren Fruchtruthen mit ihren Trauben schadet es nicht, wenn sie hinter die Zugruthe und deren Blätter kommen. Die kurze Ruthe reift doch wohl, und die Trauben gedeihen hinter den Blättern im Schatten weit besser und reifen eher, als wenn sie zu viel Sonne haben. Alle der Sonne zu sehr ausgesetzte Trauben bleiben hart und reifen viel später. Die Spitzen der kurzen Ruthen nehme ich, wie schon gesagt, gewöhnlich dann, wenn die Trauben anfangen, schwer zu werden, und winde sie um eine Stange des Spaliers herum, oder wo es sich sonst thun läßt. Denn eine solche Ruthe treibt nun schon von selbst nicht mehr, die Kraft bleibt unten in den Trauben, und durch das Umwinden und Befestigen der Spitzen bekommt die Ruthe mit ihren Trauben einen sehr guten Halt. Ist aber die Ruthe mit ihren Trauben schon durch das Heften gehörig befestigt, so kann man auch jetzt, wie ich nun durch Erfahrung gefunden habe, die Spitzen ohne Nachtheil für Ruthen und Trauben wegbrechen. Bei dieser Behandlungsweise, daß ich nämlich vor der Blüthenzeit gar nichts, und nach derselben nicht zu zeitig verbreche, und die Stöcke auch sehr dicht stehen, kommt es freilich dahin, daß in den Sommer-Monaten meine Weinspaliere dicht belaubt sind, viel Ruthen und wenig Trauben zeigen. Aber was von Ruthen vorn seyn und reifen soll, ist doch vorn, und die hinter den Blättern steckenden Trauben befinden sich da einstweilen sehr gut. Man muß nur beim Heften nicht Alles zu eng zusammenschnüren, sondern lange Henkel machen, damit Raum in dem Dickicht ist. Kommt es nun gegen den Herbst, die Zeit der Reife, so wirft der Stock seine größte Kraft schon von Natur auf die Trauben und läßt die Blätter fahren; einige fallen ganz ab, die meisten bleiben zwar, verlieren aber ihre Fettigkeit, fangen an, zu welken, fallen und beugen sich zusammen. Nun bekommen die hinter denselben versteckt gewesenen Trauben so viel Licht und Wärme, als sie zu ihrer Reife bedürfen. Aber doch nicht so viel, daß die allzu große Hitze die Beeren verhärten könnte. Wer aber Alles zu sehr und besonders zu zeitig verbricht und entblättert, dem hängen um diese Zeit alle Trauben frei in der größten Sonnenhitze. Auf fettem Boden stehende Stöcke entblättern sich zwar nicht so sehr; ist aber nur gut gehenkelt und nicht etwa geschnürt, so kann dennoch Alles gehörig wachsen und reifen. Sollten dieselben gar zu dicht werden, so kann man durch ein schärferes Abbrechen der Spitzen beim dritten und vierten Heften etwas Luft machen. Oder, wie schon gesagt worden ist, das dritte und vierte Heften ganz unterlassen, und alle hervorkommende Spitzen wegbrechen. Denn ich wiederhole es nochmals: Wo Raum genug ist, kann man ohne Nachtheil alles wachsen lassen; wo dieser aber mangelt, da kann man auch hinwiederum ohne Nachtheil alles verbrechen. Nur nicht vor und in der Blüthenzeit und nicht zu schnell nach derselben.

30.
Vom Abbrechen der Blätter zum Gebrauche.