Aus dem bisher Gesagten gehet nun auch hervor, daß an einem nach meiner Art richtig beschnittenen Weinstocke nicht ein Blatt übrig ist. Was soll man aber thun, wenn man Weinblätter verlangt, oder deren selbst bedarf? -- Von den Zugruthen darf man sie nicht nehmen. An jedem Blatte steht ein Auge, dieses wird von seinem Blatte geschützt, auch wird durch dieses Blatt demselben Nahrung zugeführt; denn alles auf dem Blatte stehen bleibende Thau- und Regenwasser dringt größtentheils durch die in dem Blatte und dessen Stiele befindlichen kleinen Oeffnungen bis in das Auge hinein und erquickt und stärkt dasselbe. Nimmt man ihnen nun dieses Blatt, so zerstört man den Befruchtungs-Kanal, und es wird in seinem Wachsthume gehindert; und geschieht dieß gleich unten an den Zugruthen, wo sie die Trauben haben, so beraubt man zugleich auch den Trauben die Schutz- und Nahrungsmittel. Von den übrigen kürzern Fruchtruthen darf man sie nun ebenfalls nicht nehmen, denn sie sind auch hier die Beschützer und Ernährer der daran befindlichen Augen und Trauben. Es giebt aber oft außer den Zug- und Fruchtruthen noch einige unfruchtbare Ruthen, die keine Trauben bekommen haben, und zu den Zugruthen zu schwach sind. Auch kommen oft unten am Stocke oder etwas weiter hinauf aus dem alten Holze Ruthen heraus, die weder Trauben haben, noch zu Zugruthen taugen, und allenfalls im Herbste beim Beschneiden einen Zapfen geben können. Man nennt sie bekanntlich Wasserruthen. Von diesen beiden, den oben genannten unfruchtbaren und den Wasserruthen, kann man Blätter nehmen, wenn man welche gebraucht. Hier thut es nicht viel Schaden, besonders an den obern Enden, die ja ohnedieß im Herbste weggeschnitten werden. An den obern Enden könnte man allenfalls auch von den Zug- und Fruchtruthen Blätter wegnehmen, aber nicht eher, als nach dem dritten und vierten Heften, wo man auch die ganze Spitze wegbrechen kann. Vor und während der Blüthenzeit aber ist nirgends ein Blatt übrig; es macht ohnedem das Abbrechen eines solchen fetten Blattes eine Wunde, die im zeitigen Frühlinge sogar blutet. Braucht man aber die Blätter nicht nothwendig, so lasse man auch die für entbehrlich erklärten stehen. Es ist große Thorheit, solche oder wohl gar ganze Ruthen für das Vieh abzubrechen, ohne vorher überlegt zu haben, ob sie auch wirklich überflüssig waren oder nicht, und ob es also Nutzen oder Schaden bringen konnte. Denn, ich wiederhole es nochmals, hat man im Herbste nach meiner Art richtig beschnitten, so kann man, wo Raum genug ist, vom Frühjahre an bis zum Herbste, alles daran ungestört und ohne Nachtheil wachsen lassen. Es kann schon, dem Schnitte gemäß, nicht mehr wachsen, als nöthig ist. Ich weiß dieß aus mehrjähriger Erfahrung, und freue mich, diese Entdeckung gemacht zu haben, denn sie überhebt mich der wirklich schwierigen Arbeit des frühzeitigen Verbrechens, wobei man sich nicht genug in Acht nehmen kann, daß man den jungen fetten Ruthen und zarten Träubchen nicht Schaden thut. Dieser Schaden kann aber beim Verbrechen zur Zeit des dritten und vierten Heftens, spät nach der Blüthenzeit nicht geschehen. Jetzt können die abgebrochenen überflüssigen Spitzen zum Futter für’s Vieh benutzt werden.
31.
Einrichtungen zur Erleichterung des mühsam scheinenden Begießens.
Ich erwähne diesen Gegenstand nochmals, um zu zeigen, welch’ eine wesentliche Arbeit dieß beim Weinbau ist. Ich habe es in dem vergangenen trockenen Sommer an einem Spaliere absichtlich unterlassen, um dessen Nutzbarkeit nochmals zu erproben, und sie zeigt sich nun mehr, als zu deutlich. Dieß Spalier hat magere Träubchen, die wohl schwerlich zur Reife gelangen werden. Die begossenen Spaliere aber prangen mit fettem Wuchs und schönen Trauben, die eine zeitige Reife versprechen. Damit nun aber auch das Begießen gehörig nützen kann, so muß man die Vertiefung und die Dämmchen unten am Spaliere bei den Wurzeln immer in gutem Stande erhalten. Thut man dieß nicht, so darf man sich nicht wundern, wenn auch bei fleißigem Begießen die Weinstöcke nicht gedeihen. So ging es einem meiner Bekannten. Ich besah seine Stöcke, und fand sie auf einer festen Erhöhung von Erde stehend, von der jeder Tropfen Wasser augenblicklich wieder ablaufen mußte. Das hieß nun, Wasser auf eine umgekehrte Schüssel gießen und sich dabei wundern, daß es nicht eindringen will; oder dem Durstigen den Trank über den Kopf gießen, und es sich befremden lassen, daß er dabei noch immer über Durst klagt. Ich machte nun am Stocke unten die gehörige Vertiefung nebst den zwei Dämmchen, vermehrte die Stöcke durch das Verjüngen einiger niedern Aeste und ließ die Vertiefung alle 8 Tage voll Wasser gießen. In Zeit von 4 Wochen hatten die Ruthen 2 Ellen hoch getrieben, und jetzt, nach Verlauf von 5 Jahren, bekleiden diese Stöcke den ganzen Giebel des Hauses und bringen Trauben im Ueberfluß. Deßhalb muß auch ein Weinstock, wie schon gesagt, eine bis zwei Ellen breit vom Spaliere ab gehörig umzäunt seyn, damit kein Vieh hinzugehen und die Vertiefung nebst den Dämmchen verderben kann. Um sich des mühsamen Hintragens des Wassers bis an das Spalier zu erleichtern, suche man sich einige hölzerne Wasserrinnen zu verschaffen, die von einem Brunnen oder einem nahen Wasserbehälter bis an das Spalier reichen. Dann ist das Begießen, zumal bei einer Pumpe, ein Geschäft für ein Kind, das auf diese Art binnen einer Stunde einige hundert Eimer Wasser hinschaffen kann, und die geringen Kosten der Rinnen bringt eine einzige Traubenlese wieder ein. Freilich muß aber auch, wie gesagt, die Vertiefung gehörig wagerecht seyn, damit ein Stock so viel bekommt, wie der andere.
32.
Reinigung des Weingartens.
So nenne ich den eine bis zwei Ellen breiten Raum von der Mauer bis an die Umzäunung. Diese Stelle muß immer rein gehalten und nichts weiter darauf gepflanzt werden. Es darf deßhalb dieses Weingärtchen nicht zugleich den Blumen-, Petersilien- und Pflanzengarten mit ausmachen. Auch muß man darinnen kein Gras oder Unkraut aufkommen lassen. Wo dieß geschieht, oder wo wohl gar dicht an den Stöcken Hühner, Hunde und Katzen ihr Faulbettchen aufschlagen, und die Weiber diesen Ort zu einer Niederlage von Bouteillen, Aeschen, Schüsseln, alten Töpfen und dergl. gebrauchen, auch wohl den Herbst und Winter über Kraut und Rüben daselbst aufbewahren, da kann freilich der Weinstock nicht gut gedeihen.
„Welche Mühe und Arbeit machen Sie sich mit Ihren Weinstöcken!” sagte oft der Eine oder der Andere zu mir. „Der und Jener dort thut gar nichts an seinen Stöcken, und hat eben so viel, wohl noch mehr Trauben, als Sie.” Dieß kann der Fall seyn; denn das weiß ich auch, daß alte, tief eingewurzelte Stöcke auf gutem Boden oft einige Jahre lang ohne regelmäßige Behandlung dennoch gedeihen und Früchte tragen können. Man lasse das aber so fortgehen, so werden nach mehreren Jahren diese Stöcke einer wild verwachsenen Dornenhecke gleichen, wie ich einen solchen gesehen und oben schon beschrieben habe. Kommt nun ein kalter Winter, in welchem glücklicherweise das ganze Dornengestrüppe bis auf die Wurzeln erfriert, so daß er rein abgeschnitten also untersetzt werden muß, und folglich nun wieder einige Jahre ohne regelmäßige Behandlung gut treiben und viele Trauben bringen kann: dann wird der unwissende Besitzer seinen Irrthum nicht gewahr, sieht es nicht ein, daß ihm die Natur zu Hülfe gekommen ist, welche seinen verwilderten, der gänzlichen Unfruchtbarkeit sich nahenden Weinstock durch den Frost untersetzt hat, was an ihm hätte geschehen müssen, wenn er nicht erfroren wäre und noch länger hätte Trauben bringen sollen. Denn wenn solche Stöcke, an denen gar nichts gethan wird, nicht einmal erfrieren, so sehen sie am Ende sehr elend aus und haben unten eine Menge altes, kahles, verwachsenes Holz und oben an der Spitze des Daches einige Ruthen mit Trauben. Stünde ein solcher Stock an einem Kirchthurme, er würde bald, wenn ihn kein Frost untersetzte, mit seinen Ruthen und Trauben die Fahne erreichen und vor Diebstahl ziemlich gesichert seyn.
33.
Das Erretten einiger Ruthen und Trauben vom Verderben im Frühjahre.
Wenn im Frühjahre die Augen aufbrechen und die Ruthen anfangen zu treiben, so trifft es sich oft, daß einige stark und fett treibende Ruthen mit den Spitzen an eine Stange des Spaliers, an altes Holz oder an die Mauer anstoßen, sich umbeugen und abbrechen. Da hat man nun fleißig nachzusehen, und wo man dieses bemerkt, den fetten Wuchs sanft abwärts zu beugen; wenn er dieß aber vielleicht nicht aushalten könnte, so muß man den Schenkel oder die Rebe, woran er sich befindet, losschneiden, und so anbinden, daß die Ruthe frei wachsen kann. Auf diese Weise habe ich oft ein Schock Trauben gerettet, die sonst verloren gegangen wären. Denn kaum ist die Ruthe einen Zoll lang, so zeigt sich auch schon die erste Traube und bald auch die zweite, ehe noch die Blätter sich gehörig entfaltet haben. Läßt man nun die Ruthen in ihrem Entstehen verderben, so verderben damit auch zugleich die Trauben. Werden die Ruthen länger und entfalten sich die zarten Blätter, so steht gewöhnlich die erste Traube am dritten, vierten oder fünften Blatte, je nachdem die Art ist. Am nächsten Blatte kommt die zweite Traube zum Vorschein, ein, auch zwei Blätter über dieser die dritte, und bei manchen Sorten in derselben Entfernung auch die vierte. Mehr habe ich aber noch an keiner gesehen. Meine weißen und gelben Sorten sind von der Art, die blauen aber haben nicht an jeder Ruthe zwei, vielmehr an einigen sogar nur eine Traube. Dagegen sind aber ihre Trauben größtenteils eine Viertel-, oft beinahe eine halbe Elle lang, haben am obern Ende viele kleine Nebentrauben, und die Beeren sind von der Größe einer Herzkirsche.
34.
Vom Anpflanzen der Weinstöcke im Freien oder an Bäumen.
Wenn man Weinstöcke ins Freie oder an Bäumen, Lauben, Pyramiden und dergl. anpflanzen will, so werden sie eben so behandelt, wie bisher beschrieben worden ist. Sie gedeihen daselbst auch eben so gut, als an Gebäuden und Mauern, nur daß die Trauben später reifen und die Fröste im Mai ihnen leicht schaden können, weil sie dem Luftzuge mehr ausgesetzt sind. Hohe Bäume, mit langen, kahlen, weit ausgebreiteten Aesten, sind natürlich hierzu am besten. Niedere hingegen, mit vielen buschichten Zweigen, sind gar nicht dazu tauglich. Sie rauben den Stöcken zu viel Sonne und ihre Ruthen haben keinen Raum unter den dicht belaubten Zweigen des Baumes. Ueberhaupt thut man wohl, besonders wenn die Wurzeln des Baumes etwas hoch liegen, wenn man den Stock nicht zu dicht an denselben, sondern eine bis zwei Ellen weit davon entfernt steckt, und einen langen Ast oder eine Rebe in der Erde hin in einer schmalen Rinne bis an den Baum leitet. Befestigen kann man die Ruthen des Stockes hier leicht, wenn man in einer Entfernung von einer halben Elle starke Bastbänder um den Stamm des Baumes bindet, und an dieselben nun mit schwächern Bändern die Ruthen befestigt. Steht er ganz im Freien, so muß man ihn mit in die Erde geschlagenen Pfählen und daran befestigten Querstangen befestigen. Eine Weinlaube muß etwas hoch und pyramidenähnlich gebauet seyn, oder von zwei Seiten ein recht steiles Dach oder Sparrwerk haben. Will man die Trauben eines im Freien stehenden langen Weinspalieres zeitig zur Reife bringen, so muß man hinter dasselbe auf der Nachtseite starke lange Pfähle setzen, und an dieselben vermittelst einiger Haken von starkem Drahte eine aus starkem Papiere oder schwacher Pappe gemachte schwarzgefirnißte Hängewand befestigen. Es läßt sich dieselbe, wenn sie gut aufbewahrt wird, viele Jahre lang gebrauchen.