11.
Vom Zudecken der Schnittlinge, Wurzlinge und aller anderer Weinstöcke überhaupt.

Die im Herbste gepflanzten Schnittlinge, Wurzlinge und alle andere Weinstöcke müssen nun, ehe der Winter kommt, zugedeckt werden, damit sie nicht erfrieren. Es geschieht dieß zwar nicht jeden Winter; wenn die Kälte nicht zu heftig wird, so halten sie aus. Da man dieß aber nicht vorher wissen kann, so ist es besser, man unterzieht sich der kleinen Mühe; und wenn auch die Wurzeln, wie bekannt, nicht erfrieren, so würden doch dadurch die Stöcke um 3 Jahre zurückgesetzt werden. -- Bei den Schnittlingen ist das Zudecken sehr leicht. Man stecke um jeden Schnittling einige Stückchen Holz die etwas höher sind, als der Schnittling selbst, so daß um ihn herum gleichsam ein kleiner Zaun, etwa eine Spanne im Durchmesser, entsteht. Diesen Raum fülle man mit trockenem Laube, Heu oder klarem Stroh aus, und der Schnittling wird nicht erfrieren, wenn es auch noch so kalt würde. Den Wurzling, wenn er zu hoch seyn sollte, beuge man auf die Erde, befestige ihn mit einem Haken an dieselbe, und umstecke und bedecke ihn eben so. Das Niederbeugen und Umstecken muß gleich beim Beschneiden geschehen, weil man da noch in die Erde kann und der Stock sich gut beugen läßt; das Zudecken aber wird dann erst nöthig, wenn es anfängt, zu frieren. Denn so lange es nicht friert, ist es für jeden Weinstock besser, wenn er unbedeckt liegt. Ich lege deßhalb alle meine Stöcke im Herbste, nachdem sie beschnitten und vielleicht von einem Regen durchnäßt worden sind, zwar auf die Erde nieder, decke sie aber erst dann zu, wenn es zu frieren anfängt. Zum Bedecken nehme ich auch hier nur die oben genannten Gegenstände. Mit Mist darf man durchaus nicht zudecken; derselbe verursacht zu viel Wärme, durch welche Fäulniß entsteht; und von Erde, welche von Vielen für die beste Decke gehalten wird, werden die Stöcke unansehnlich; auch verfaulen bei gelinden Wintern leicht mehrere Augen, und die Mäuse können ungehindert den Stöcken großen Schaden zufügen, weil man nicht so leicht nach denselben sehen und die Mäuse vertreiben kann. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die Weinstöcke nur einer ganz leichten Decke bedürfen, um nicht zu erfrieren. Früher bediente ich mich des schlechten unbrauchbaren Heues zu denselben. In Ermangelung dessen nahm ich im vergangenen Winter langes Roggenstroh, mit welchem es sich noch bequemer machte. Man setzt es mit den Sturzen auf die Erde, lehnt die in die Höhe stehenden Aehren an die Mauer und schiebt sie unter die erste oder zweite Stange des Spaliers. Sollte es ein langes Spalier seyn, so muß man eine Querstange anzubringen suchen, damit es von einem etwanigen Sturmwinde nicht mit fortgeführt werden kann. Der von der Traufe herabfallende Regen gleitet recht gut daran hernieder in die Gußrinne zwischen den Dämmchen, giebt den Wurzeln die Winterfrucht und der Stock selbst bleibt unter dem Strohe trocken; denn dadurch, daß solches schräg steht, können bei warmen Wintertagen die Sonnenstrahlen recht gut wirken; auch kann die Luft das unter dem geraden Strohe hohle Weinlager recht durchstreichen, welches beides die Fäulniß verhindert und den Mäusen die Gelegenheit entzieht, ihre Winternester darin zu bauen. Ueberdieß hat mich auch noch die Erfahrung gelehrt, daß das Stroh, wie an andern Gewächsen, also auch hier, gleichsam ein Frostableiter ist. Drei Finger breit Stroh ist zu den Decken hinreichend. Wo wegen Mangel an Raum das Herunterlegen und Zudecken mit Stroh nicht möglich ist, muß man sich freilich blos des Umwindens mit Stroh bedienen, das aber mühsamer ist. Wo das Zudecken mit Stroh unbequemer ist als mit Erde, da möchte ich lieber Sand für Erde anrathen. Ich habe es versucht, und solchen besser befunden als Erde. Die Stöcke halten sich darunter trockner und reinlicher, und ein Verfaulen der Augen ist dabei nicht so leicht zu befürchten.

12.
Vom Aufdecken der Weinstöcke im Frühjahre.

Im Frühjahre decke man dieselben nicht zu zeitig auf; späte Fröste können leicht den schon aufgeschwollenen und im Aufbrechen stehenden Augen schaden. Man lasse aber auch die Decke nicht zu lange liegen, sonst bringt die dadurch entstehende Wärme die Augen eher zum Treiben, als es ihrer Natur nach geschehen kann, und man ist beim Anbinden nicht im Stande, die weichen Triebe alle vor Verletzung zu bewahren. Auch sind dieselben nun nicht an die natürliche Luft gewöhnt, und können daher leicht durch Frost Schaden leiden. Wären diese Nachtheile nicht zu befürchten, so würde ich rathen, die Decke lange darauf liegen zu lassen, solche nach und nach zu verschwächern, und endlich ganz wegzunehmen. -- Durch das Stroh wirkt am Tage die warme Frühjahrs-Sonne, und des Nachts schützt dasselbe die Stöcke vor den kalten Frühlingslüften. Die Augen kommen dadurch zeitiger zum Treiben und die Trauben erscheinen früher. Freilich würde man sich dann beim Anbinden sehr in Acht nehmen müssen; auch dürfte diese Behandlungsweise bei großen, holzreichen Stöcken nicht so gut anwendbar seyn, als bei kleineren.

13.
Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Sommer.

Alle Ruthen, die im zweiten Sommer an den Schnitt- und Wurzlingen gewachsen sind, läßt man ungestört treiben, heftet und henkelt sie gehörig an, daß sie bei Sturm und Regen oder durch ihre eigene Schwere nicht abbrechen können; kneipt aber nicht wie Einige zu thun pflegen, die an den Blättern heraustreibenden Seitenruthen, den sogenannten Geiz, ab, sondern schneidet dieselben erst im Herbste beim Beschneiden dicht weg, doch so, daß man das dabei stehende Auge nicht verletzt. Einige meinen zwar, diese Seitenruthen raubten der Hauptruthe die Kraft; dieß ist aber nicht der Fall, sondern sie führen derselben vielmehr Nahrung zu und schützen und nähren besonders das Auge, an welchem sie stehen. Sollten an diesen jungen Stöcken außer den aus den Augen treibenden Ruthen auch noch mehrere aus dem alten Holze kommen, was bei gut bewurzelten Stöcken und auf gutem Boden wohl manchmal der Fall seyn könnte, so daß ihrer zu viel würden; so kann man wohl dem allerschwächsten die Spitze nehmen, die stärkern aber lasse man gehen. Sie rauben den Hauptruthen nicht zu viel Kraft, sondern bleiben von selbst zurück, und im Herbste lassen sie sich oft, wie ich in der Folge zeigen werde, zur Vergrößerung des Stockes gut benutzen, besonders wenn derselbe gleich von unten an erweitert werden soll. Durch das richtige Beschneiden im ersten Herbste sind die Stöcke schon in einen solchen Zustand versetzt, daß sie nicht leicht mehr Ruthen treiben, als sie ernähren können. Einige Schnitt- und Wurzlinge jedoch, die mir im zweiten Sommer zu lange und schwache Ruthen und Seitenruthen trieben, brachten mich auf den Gedanken, einen Versuch zu machen, ob man sie nicht durch Abkneipen der Spitzen zwingen könnte, sich unten mehr zu verstärken. Ich nahm nun von den Ruthen so viel weg, daß sie bloß noch von einer halben bis höchstens zu einer Elle lang blieben, und die Seitenruthen drei bis vier Blätter behielten, und der Erfolg entsprach ganz meiner Erwartung. Die Ruthen wurden stärker und kräftiger und die Seitenruthen nahmen nun nicht so viel Raum weg.

14.
Vom Beschneiden der Schnitt- und Wurzlinge im zweiten Herbste.

Ganz schwachen Wuchs schneidet man dicht am Stocke weg; Stummel dürfen nicht stehen bleiben, sie vertrocknen mit der Zeit und machen den Stock unansehnlich. Bei glatt weggeschnittenen aber verwächset die Wunde. Etwas stärkere Ruthen schneidet man weg bis auf 1 Auge, noch stärkere bis auf 2 und 3 Augen. Man nennt dieß Zapfen. Die allerstärksten Ruthen werden nicht länger, als eine Viertel-, höchstens eine halbe Elle lang gelassen, und diese nennt man Schenkel, wenn nämlich die Augen so dicht stehen, daß auf der angegebenen Länge sich mehr als 3 Augen befinden. Bei Ruthen, wo die Augen weitläuftig stehen, müßte man sich allerdings nach denselben richten, und ihrer 4, 5 bis 6 stehen lassen, obschon dadurch der Schenkel nun länger würde, als eine Viertel- oder eine halbe Elle. Es müßte eine sehr gute, starke und kräftige Ruthe seyn, wenn man sie im zweiten Jahre schon eine bis anderthalb Elle lang lassen sollte, so daß sich an ihr mehr, als 6 Augen befänden; denn diese nennt man nicht mehr Schenkel, sondern Reben, und solche Reben läßt man gewöhnlich erst im dritten Jahre stehen. Es ist ein Hauptfehler, wenn man in dem zweiten Jahre die Ruthen zu lang läßt, oder wohl gar nicht abschneidet. Der Stock bekommt dann im nächsten Jahre eine Menge schwachen Wuchs, den er nicht gehörig ernähren kann, und Trauben bringt er selten. Da hingegen die kurzen Schenkel in dem folgenden dritten Jahre schon Trauben bringen. Auch wird der Stock durch das Nichtbeschneiden in wenigen Jahren zu schnell hoch und behält unten schwaches Holz, da er hingegen beim Kurz-Beschneiden sich nach und nach gleich von unten an verstärkt, kräftige Wurzeln treibt, und mit den Jahren erst seine gehörige kraftvolle Höhe und Stärke erreicht. Es ist sehr wohlgethan, wenn man auch die Stöcke auf diese Art erzieht, die eigentlich später ihre größere Ausbreitung am zweiten Stockwerke des Gebäudes erhalten sollen, weil, z. B. in Städten, am ersten Stockwerke, wegen der Fenster, kein Raum dazu vorhanden ist. Sie erhalten dadurch einige niedere Zweige oder Aeste, mit denen man ja auch hier den Raum unter und neben den Fenstern bekleiden kann. Zum Schlusse dieses Kapitels muß ich nochmals ausführlich wiederholen, was schon im [9. §.] kürzlich gesagt worden ist. Alle Schnitte am jungen Holze müssen 3 bis 4 Finger, wohl oft eine Hand breit über dem Auge geschehen. Dieses Holz über dem Auge vertrocknet im nächsten Sommer und wird im folgenden Herbste dicht über der aus diesem Auge entstandenen Ruthe weggeschnitten. Schneidet man aber zu dicht über dem Auge, so vertrocknet dasselbe leicht, und die aus demselben zu erwartende Ruthe mit den Trauben ist verloren.

15.
Behandlung der Schnitt- und Wurzlinge im dritten Sommer.

Im dritten Sommer treiben nun die Zapfen und Schenkel schöne kräftige Ruthen, die Schenkel an denselben auch zugleich Trauben. Die Zapfen bringen gewöhnlich hier, sowie auch an älteren und größeren Stöcken, keine Trauben, sondern treiben bloß gute Ruthen. Es müßte ein sehr kräftiger, auf sehr gutem Boden stehender Stock seyn, wenn er auch an den Zapfen Trauben haben sollte. Bei einigen von meinen, auf solchem Boden stehenden Stöcken ist dieß schon oft geschehen. Bisweilen kann sich’s aber auch zutragen, daß ein Zapfen den Erwartungen nicht entspricht, sondern statt einer starken, eine schwache Ruthe treibt, wohl gar schlecht wächst oder vertrocknet. Geschieht dieß, so wird er im nächsten Herbste entweder glatt weg, oder wieder zum Zapfen geschnitten. Ich habe Fälle erlebt, daß aus dem wieder zum Zapfen geschnittenen Zapfen erst im nächsten Jahre die kräftigere Ruthe kam. Auch muß ich zur Belehrung Anderer hier noch eine Erfahrung anführen, die ich einst an einem Stocke gemacht habe. Es trieb derselbe im ersten Sommer sehr schwache Ruthen, obschon es ein Wurzling war. Ich schnitt zwei derselben zu Zapfen, die dritte ganz weg; sie trieben im 2ten Jahre wieder schwache Ruthen, die zu keinem Schenkel zu gebrauchen waren. Ich schnitt alle bis auf zwei weg, aus denen ich wieder Zapfen machte. Im 3ten Jahre wurde eine Ruthe so stark daß sie im Herbste einen leidlichen Schenkel gab, die übrigen wurden wieder nur Zapfen. Aber alle zeigten im 4ten Jahre schwachen Wuchs, und gaben keine Trauben. Ich schnitt nochmals Alles zu Zapfen. Im 5ten Jahre trieb der Weinstock die schönsten Ruthen, aus welchen ich im Herbste Zapfen, Schenkel und Reben machen konnte, die das folgende 6ste Jahr Trauben brachten. Jetzt ist es ein kräftiger Stock, der viel Trauben trägt, aber noch nicht höher, als etwas über 2 Ellen, weil er bei dieser Behandlungsweise nur allmählig steigen, aber sich desto besser bewurzeln konnte. Hätte ich ihn nach den gewöhnlichen Regeln schneller in die Höhe wachsen lassen, so würde er wahrscheinlich am Ende eingegangen seyn. Die Ursache seines langsamen Vorrückens war Schwäche der Wurzeln und ein unfruchtbarer Boden, der sich nicht gut verbessern ließ. Nachdem aber dieselben durch das immerwährende scharfe Beschneiden sich verlängert und verstärkt hatten, und also ihre Nahrung nun weiter herholen konnten, war er in den Stand gesetzt, Früchte zu tragen. Dieß Beispiel zur Belehrung für denjenigen, dem es vielleicht einmal eben so ergehen könnte. -- An den in diesem Sommer wachsenden Ruthen wird nun ebenfalls, wie im vorigen Sommer, weiter nichts gethan, als daß sie gehörig angeheftet werden, damit sie Sturm und Regen oder die eigene Schwere nicht niederbeugen und zerbrechen können. Sollten aber auch hier wieder einige zu schwachen und langen Wuchs machen, so kann man sie ebenfalls nach der zu Ende des [13. §.] gegebenen Regel behandeln.